03 - Sehgewohnheiten und deren Umsetzung

  • Lektion

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  • 03 - Sehgewohnheiten und deren Umsetzung

    KLEINER FSB-FOTOKURS IN EINZELNEN KAPITELN

    03 - SEHGEWOHNHEITEN UND DEREN UMSETZUNG


    Das menschliche Sehvermögen und eine Kamera unterscheiden sich in ihren Möglichkeiten deutlich. Allein deswegen schon kann ein Bild niemals eine 1:1-Umsetzung der gesehenen Realität sein.

    Das fängt schon mit dem Sehfeld an, geht dann weiter über die Fokussierung und endet dann bei der Interpretation des Gesehenen. Die Dreidimmensionalität geht bei dem Abbild verloren und auch der zeitliche Ablauf spielt eine entscheidende Rolle.

    Unser Sehfeld ist nicht rechteckig und entspricht auch keineswegs den Abmessungen eines Monitors. Insofern ist das dort dargestellte Bild eher ein Teilausschnitt des tatsächlich Gesehenen. Wir sehen nur in der Mitte scharf, während der Rand unserers Blickfeldes eher bewegungssensitiv ist. Das heisst, es ist uns unmöglich, etwas am Rande unseres Blickfeldes scharf warzunehmen.

    Um etwas scharf zu sehen benötigen wir Zeit. Wir benutzen zwei Mechanismen, um auf ein bestimmtes Objekt zu fokussieren. Wir drehen einerseits den Kopf, um das Objekt so in unserem Blickfeld zu plazieren, daß wir es auch scharf sehen können und anschliesend fokussieren wir mit den Augen auf die entsprechende Entfernung.

    Anschliessend konzentrieren wir uns auf das so scharfgestellte Objekt und blenden die Umgebung mental weitgehend aus.

    Betrachten wir hingegen ein Bild, dann sieht die Sache schon völlig anders aus. Wir können nicht mehr ein bestimmtes Objekt dadurch fokussieren, indem wir auf dessen Entfernung scharfstellen, dasich das ganze Bild (näherungsweise) in der gleichen Entfernung zum Auge befindet. Ausserdem gibt das Bild uns die Schärfe vor.

    Wir können selbst keinen dreidimmensionalen Eindruck gewinnen, der muss im Bild vorgegeben sein. Wenn ich in der Realität eine Landschaft betrachte, dann richte ich mein Augenmerk auf die Bäume im Hintergrund und der Vordergrund ist fast nicht mehr existent.

    Ich kann aber den Fokus jederzeit auf den Mittelgrund setzen, dort ein einzelnes Objekt betrachten, welches sich schärfemässig deutlich von Vorder- und Hintergrund abhebt, um ihn anschliessend ausschliesslich auf den Vordergrund zu richten. Bei einem Bild wird mir dies schwerfallen, kann ich die Schärfe dort nicht durch den Fokus meiner Augen beeinflussen.

    Das heisst ganz konkret, daß ich für diesen Fokusschwenk mehrere Bilder benötigt, von denen jedes eier Ansicht mit dem jeweiligen Fokuspunkt entspricht. Ich brauche also ein Bild mit dem scharfen Hintergrund, dann eines (oder auch mehrer) mit den Objekten im Mittelgrund und dann noch eines mit scharfem Vordergrund.

    Der nächste Punkt ist die Helligkeit. Schauen wir von Hellen ins Dunkle, dann könne wir zunächst einmal nichts erkennen. Das Auge gewöhnt sich aber an die Dunkelheit und wir sind in der Lage, auch im halbwegs Dunkeln noch Details zu erkennen. Das heisst, wir müssen und nicht auf hell und dunkel gleichzeitig einlassen, sondern können es nacheinander tun.

    Bei einem Bild ist dies anders. Die Dynamik, welche es darstellt, die stellt es gleichzeitig dar. Ausgefressene Lichter bleichen auch ausgefressen, wenn ich sie 10 Minuten lang anstarre und abgesoffene Schatten bleiben auf Dauer schwarz. Übersteigt der Kontrastumfang das, was die Kamera zu leisten imstande ist, dann muss ich die Dynamik manipulieren, sofern ich nicht mit einem dieser Fehler leben möchte, und zwar nicht wärend ich das Bild betrachte, sondern in dem kurzen AUgenblick, in welchem ich es belichte.

    Ein weiterer Punkt ist die Brennweite des Objektives. Eine Standardbrennweite entspricht grob dem, was wir normalerweise sehen, ein Tele tendiert in die Richtung Tunnelblick. Würden wir das Sichtfeld vergrössern wie bei einem Weitwinkel oder gar wie bei einem Fisheye, ich fürchte, wir würden uns fühlen wie auf Drogen.

    Kommt noch ein weiterer Punkt hinzu, nämlich die Erwartungshaltung und die Interpretation des Gesehenenen. Wenn ich dreissig Farbbilder von Ampeln mache, auf denen der untere Teil nicht zu sehen ist, dann wird dieser gedanklich ergänzt und wohl jeder wird ihm die Farbe GRÜN zuordnen, auch wenn sie auf dem Vorbild tatsächlich BLAU war. Denn wir neigen dazu, das zu sehne, was wir erwarten.

    Wenn ich in der Stadt herumlaufe und vorsätzliche Situationen schaffe, in denen ich scheinbar beiläufig (aber durchaus geplant) andere Menschen berühre, mich in deren Gegenwart räuspere, so daß diese einen kurzen Augenkontakt herstellen und ähnliches, dann kann man daraus eine Bilderserie machen, die scheinbar 'beweist', daß mich jene Menschen (die ich tatsächlich niemals zuvor gesehen habe) kennen.

    Manipulieren lässt sich aber auch durch gezielten Schnitt, also gezieltes Weglassen. Oder durch ein Tele, welches den scheinbaren Abstand verkürzt und Objekte auf scheinbar gleiche Augenhöhe bringt, von der sie allerdings tatsächlich meilenweit entfernt sind. Denn nicht alles, was gemeinsam auf einem Bild zu sehen ist, hat tatsächlich etwas miteinander zu tun.

    Beim realen Sehen käme man nie auf die Idee, die tausenden gesehenen Einzelobjekte nur, weil man sie zu gleichen Zeit gesehen hat, miteinander verknüpfen zu müssen. Bei einem Bild hingegen tendiert man dazu, 'weil sie ja schliesslich auf einem Bild sind'.

    In den Augenblick, in welchem man den Auslöser betätigt, schafft man Verknüpfungen, reale und irreale.

    Und was habt ihr dazu zu sagen?

    lg Konradin


    Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von NeHe () aus folgendem Grund: link-rep

  • Ja gut, mit der Lichtfeldkamera lässt sich der Fokus noch nach dem Belichten ändern, allerdings wohl weniger frei, sondern entfernungsabhängig.

    Mir ist aber noch eine andere Ausnahme bekannt, mit der man nachträglich noch in gewissen Grenzen den Fokus beeinflussen konnte, nämlich bei der Stereofotografie.

    Ich selbst habe einige praktische Erfahrung damit. Pentax hatte für Kleinbild eine Prismenkonstruktion für das Standardobjektiv. Es wurden zwei Halbbilder im Augenabstand auf ein Kleinbild-Dia belichtet, welche man anschliessend mit einem speziellen Betrachter angeschauen konnte.

    Nachteilig war die Abhängigkeit vom Betrachter, dann die Beschränkung auf das Hochformat (2 mal Hochformat nebeneinander ergibt das Breitformat) und schliesslich der Mindestabstand (bei zu nahen Objekten fing man unweigerlich an zu schielen). Den Formatverlust konnte man problemlos verschmerzen, aber die Ergebnisse waren für meinen Geschmack ein wenig zu plakativ. Sie erinnerten mich irgendwie an die Anfangstage der Stereo-Schallplatten, die auch nicht gerade durch Natürlichkeit glänzten.
  • Konradin schrieb:


    Und was habt ihr dazu zu sagen?

    Bei sovielen Freiheitsgraden der Gestaltung: :panik:

    Ist wirklich erschreckend, wie schwierig es ist, ein gutes Bild zu machen. Darum kämpfe ich seit den 80ern, wobei es seit meinem Wechsel in die digitale Welt etwas leichter geworden ist. Man kann viel mehr experimentieren.

    Jedenfalls an dieser Stelle mal ein Dankeschön für die interessanten Texte und die Arbeit, die Du dir machst :).
  • Vielen Dank für deine lieben Worte, unheard.

    Meist habe ich nicht den Anspruch, ein 'gutes Bild' zu machen. Mir reicht es völlig, ein brauchbares Bild (mit möglichem Potential zum guten Bild) zu machen.

    Anders ist es, wenn ich ein Bild schon mehr oder weniger im Kopf habe und die Verhältnisse es zulassen, am besten reproduzierbar (oder gleich unter Studiobedingungen).

    Manche Bilder verschwinden auch einfach im Archiv als Skizze einer Idee, um bei passender Gelegenheit besser als bisher umgesetzt zu werden. Passende Gelegenheit, das heisst einerseits passende Lichtverhältnisse, aber vielleicht auch ein anderes Objektiv.