Im Prinzip ist ja nicht einmal etwas gegen Fremdsteuerung einzuwenden. Für Kinder ist diese anfangs notwendig und auch mancher Erwachsene lässt die Selbständigkeit sosehr vermissen, daßer ihrer Bedarf. Schön wäre es natürlich, wenn die Menschen zur realen Selbständigkeit erzogen würden und diese auch immer funktionieren würde.
So mancher gleicht diesen Mangel durch starre Regeln (bis hin zum Zwangscharakter) aus und die Religion ist ein Hort derer, die Anleitungen und Regeln suchen, damit sie ihren Alltag meistern können.
Die meisten Staatsformen sind Herrschaftssysteme, die dem Staat eine (mitunter uneingeschränkte) Macht über den Einzelnen geben. In (klassischen) Diktaturen und Monarchien geht diese Macht von einer Person (oder einen kleinen Clique) aus, ebenso in einem Gottesstaat. In Demokratien, aber auch im Kommunismus hat diese Macht eine breitere Basis. Ob diese Basis nun die Arbieterklasse (oder eine Clique, die vorgibt, diese zu vertreten) ist oder eine vorgebliche Wahlmehrheit ist dabei unerheblich. Denn es gibt kaum Mehrheiten (ausser der schweigenden Mehrheit vielleicht), es gibt nur Minderheiten unterschiedlicher Grösse.
Im Gegensatz dazu stehen herrschaftslose Systeme, z.B. die Anarchie. Im Idealfall übt jeder Macht über sich selbst aus und über andere nur indirekt. Auf eine zentrale Machtinstanz wird verzichtet. Es gibt Interessenvertretungen und es gilt das Delegationsprinzip (z.B. Anarchosyndikalismus).
Wenn die Menschen dazu reif wären, dann böte sich die letztere Alternative an. Aber sie sind es nicht. Und warum? Unter anderem, weil Politik eben auch eine Personalangelegenheit ist und diejenigen, welche von anderen Gesellschaftsformen profitieren alles daran setzen, sie unreif zu halten und so werden sie denn auch erzogen.
An der Geschichte der Kirche lässt sich recht gut absehen, wozu diese anerzogene Unmündigkeit führt. Nicht, daß die Kirche der Masse der Bauern im Mittelalter wirklich gutgetan hätte. Aber mit Angst, wenig Selbstbewusstsein und einer völlig verklemmten Lebenseinstellungen festigte die Kirche ihre Macht, machte Politik und kassierte den Zehnten. Ihre Organisationsform entsprach dem Führerprinzip. Ausgehend vom 'strafenden Gott' leitete ein (damals) als unfehlbar angesehener Papst zentral die Geschicke dieser Organisation, welcher nur zeitweilig (in den Zeiten der Konzile) ansatzweise durch diese kontrollierbar war. Danach kamen die Kardinäle, die Bischöfe und der Rest des Klerus, den Bodensatz bildeten die Frauen.
Ich halte keine der machtausübenden Staatsformen für die ideale und auch in unseren bestehenden Sytemen halten sich mehrere Prinzipien die Waage, nämlich die Demokratie und das rechsstaatliche Prinzip.
Die Demokratie liefert das Alibi für die Rechtmässigkeit der Entscheidungen gewählter Volksvertreter, während eigentlich nur sie zeitweilig legitimiert werden und keineswegs ihre Entscheidungen. (Auch Parlamentarier haben sich an das Recht zu halten und das Recht bricht jegliche Mehrheit.) Da es aber (echte) Mehrheiten in diesem Staate kaum gibt entscheidet keine Mehrheit, sondern immer eine spezifische Zusammensetzung der Minderheiten.
Die zweite Säule unserer Staatsfor ist das Rechtssystem, basierend auf den Menschenrechten. Dies steht mitunter im Gegensatz zur Demokratie und ist (im Idealfall) von Mehrheiten völlig unabhängig. Dieses Rechtssystem garantiert jedem von uns Rechte, welche ein demokratisches Prinzip niemals garantieren könnte.
Das Rechtssystem krankt an zwei wesentlichen Punkten. Eineseits ist es anfällig für Korruption und Machtmissbrauch, da auch die Mitglieder des Rechtssystems 'nur' Menschen sind und eine echte und komplette Gewaltenteilung sich nicht realisieren lässt. Andererseits ist es anfällig für bürokratische Exzesse bis hin zum Verordnungswahn.
Letzteres führt gemeinhin zur Verwässerung des Rechts, der Möglichkeit, es aufgrund unterschiedlicher Regelungen unterschiedlich auszulegen sowie der Intransparenz für Außenstehende, mit der sich im Grunde genommen fats jeder rechtswidrige Eingriff realisieren (und geschickt formuliert auch rechtfertigen) lässt. Dies sabotiert zwar das rechtsstaatliche Prinzip, ist aber inzwischen (leider) gängige Praxis. Nicht ohen Grund sind viele Politiker (und sonstige Karrieristen) in unserem Staat Juristen.
Letztendlich macht es die Mischung einzelner Einflüsse, die darüber entscheidet, wie es weitergehen kann und sicher ist es durchaus angesagt, in weiten Bereichen demokratische Prinzipien verstärkt einfliessen zu lassen.
Aber eines gebe ich nuch zu bedenken. Je mehr Angst und Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet wird und je stärker die vorgebliche 'Terrorabwehr' die Richtlinien unserer Politik bestimmt, desto mehr persönliche Rechte werden aufgegeben und desto populistischer fallen Mehrheitsentscheidungen aus. Angst war noch nie ein guter Ratgeber, aber ein probates Mittel, Macht zu festigen.
Abschließend noch ein Zitat von Ulrike Marie Meinhof: "Es kommt nicht darauf an, die Machtfrage zu stellen, sondern so zu handeln, daß sie sich stellt."