Da sitze ich nun mit einem Cybook Odyssey, den mir die Presseabteilung von Thalia freundlicherweise für vier Wochen zum Testen überlassen hat. Ich werde die vier Wochen nicht brauchen, denn wenige Stunden haben bereits für eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Gerät gereicht.
Das Gerät
Das Äußere des Odyssey ist etwas gewöhnungsbedürftig, was ich nicht negativ meine. Die Kanten sind sämtlich leicht konvex gerundet. (Eselsbrücke für Leute, die konvex und konkav durcheinanderwerfen: War das Mädchen brav, bleibt der Bauch konkav, hat das Mädchen Sex, wird der Bauch konvex.) An der Unterkante befinden sich von links nach rechts eine Jacket-Buchse für Kopfhörer, der Micro-USB-Anschluss, ein Slot für eine Micro-SD-Karte und fast am Ende ein An/Aus/StandBy-Schalter. An der Oberkante sind zwei LED-Leuchten für Betriebszustand und WLAN-Verbindung. An der rechten und der linken Kante, also etwa im Nabelbereich, sind etwa drei Zentimeter lange Wipptasten zum Vorwärts- und Zurückblättern eingelassen. Auf der Displayseite sitzt im unteren Rand mittig ein runder Druckknopf, der durch einen leicht erhöhten Rand vor zufälliger Betätigung geschützt ist. Durch Druck auf diesen Knopf ruft man ein vierteiliges Hauptmenü auf, welches – anders als bei vielen anderen Geräten, die ich bisher in der Hand hatte – sehr übersichtlich strukturiert ist. So kann man in jeder Situation über ein dann erscheinende Auswahlleiste die Startseite, die Bibliothek und den Thalia-Shop aufrufen. Der vierte Menüpunkt ist kontextabhängig.
Auf dem Gerät ist die neueste Softwareversion des französischen Herstellers Bookeen installiert, der wie die meisten anderen Hersteller in der VR China fabrizieren lässt. Sie ist Linux-basiert und lässt prinzipiell Veränderungen durch geübte User zu, vorausgesetzt, das Gerät ist gerootet (für die Apple-Jünger: gejailbreakt). Ich habe das Odyssey nicht gerootet, da Normalbenutzer das wohl selten tun. Für die Geräte, die Thalia vertreibt, ist deren eigener E-Book-Shop fest vorinstalliert. Über den Browser lassen sich auch andere Shops ansteuern und zum Einkauf nutzen.
Die technischen Details gleichen bis auf wenige Ausnahmen, auf die ich eingehen werde, denen der gängigen E-Ink-Reader. Hier die Angaben von Thalia:
Farbe Schwarz, Rückseite aus gebürstetem Aluminium
Abmessungen 166mm x 120mm x 9mm
Gewicht 195g
Display E Ink® Pearl mit kapazitivem Multi-Touch; High Speed Ink System; 15,2 cm (6")/ 800*600 Pixel/ 167dpi/ 16 Graustufen
Akkulaufzeit Bis zu zwei Monate
Schriften 20 Schriftgrößen und 7 Schrifttypen
Speicher 2 GB, durch externe Speicherkarte um 32 GB erweiterbar
WLAN W-LAN 802.11 b/g/h
Akku 1650 mAh
Formate Epub, PDF, TXT, HTML, JPEG, PNG, BMP, MP3, FB2, GIF, PSD, TIF, ICO
DRM Adobe DRM
Anschlüsse MicroUSB, MicroSD Card, 3,5 mm Kopfhöreranschluss
Textansicht Im Hoch und Querformat lesen, Lagesensor für automatische Display-Rotation
Garantie 24 Monate
Lieferumfang Cybook Odyssey, USB-Ladekabel, Schnellstartanleitung.
Preis 119 €
Erwähnenswert in dieser Aufzählung sind der kapazitive Multitouch-Screen, das „High Speed Ink System“ und die automatische Display-Rotation.
Den kapazitiven Screen kennen wir vom PocketBook 622 Touch. Er ist nicht ganz so berührungsempfindlich wie die Infrarot-Screens von Sony, Kobo oder Kindle Touch. Das hat den Nachteil, dass man etwas fester drücken muss, und den Vorteil, dass Stubenfliegen oder Staubkörnchen das Blättern im Buch nicht sabotieren können.
Das High Speed Ink System soll ein schnelleres Blättern bewirken. Vielleicht ist der Geschwindigkeitszuwachs tatsächlich messbar, direkt fühlbar ist er nicht. Im Buch wird flott geblättert, aber halt gefühlt genau so flott wie im Sony PRS-T1 oder im PocketBook. Vielleicht wird ein tatsächlich vorhandener Geschwindigkeitsvorteil aber auch nur durch die zahlreichen Animationen ausgebremst, die schon beim Start des Gerätes aber auch beim Öffnen jedes Buches für „action“ auf dem Bildschirm sorgen.
Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, macht die automatische Display-Rotation möglicherweise Spaß. Der Reader läßt sich in alle vier Richtungen drehen, und das Bild passt sich sehr schnell dem Bewegungssensor an und liefert ordentliche Neuumbrüche. Leider ist der Sensor äußerst empfindlich, so dass schon eine leichte Verlagerung der eigenen Lesehaltung im Sessel regelmäßig zu querstehenden Texten führt. Und „wat der Bauer net kennt…“: ich bin es gewohnt, meine Bücher so zu lesen, wie der Verleger es vorgegeben hat. Ich habe bisher auf rotierende Klassiker verzichten können, und habe deshalb die Einstellung gesucht und schnell gefunden, mit der man dieses Verhalten abstellt.
E-Books
Ich lese überwiegend EPUBs und PDFs. An der EPUB-Lektüre auf dem Odyssey gibt es nichts zu beklagen: Viele Möglichkeiten der Beeinflussung des Schriftbildes von der Schriftgröße und Schriftart über Block- und Flattersatz bis hin zur problemlosen Einbindung eigener Wunschschriften. Alles scheint möglich.
Bei PDFs ist mein Eindruck gespalten: Das Odyssey versucht, möglichst viel PDF-Text ohne überflüssige Ränder auf dem Bildschirm darzustellen. Das gelingt ihm recht oft. Von Reflow wie bei PocketBook oder Sony gibt es jedoch leider keine Spur.
Ein paar Dinge, die mir negativ aufgefallen sind:
Das Gerät hat keine Reset-Taste. Ich habe sie zwar nicht gebraucht, aber so etwas gehört zum Standard.
Bücher, die nicht auf dem Hauptgerät, sondern auf der SD-Karte sind, werden nicht in der Bibliothek aufgeführt. Man findet sie nur dann, wenn man im Kontextmenü der Bibliothek zusätzlich zu anderen Optionen die Option „Ordnerstruktur“ auswählt. Dann werden nach einem Öffnen der Bibliothek unter anderen zwei Ordner namens Cybook und SD-Karte angezeigt, und man muss letztere jedesmal neu anwählen, wenn man diese Bücher zur Auswahl haben will.
Dementsprechend erscheinen Bücher von der SD-Karte auch nicht auf der Startseite unter „Zuletzt gelesen“.
Einige positive Dinge, die mir aufgefallen sind:
Das Cybook Odyssey ist zwar ein paar Gramm schwerer als die Leichtgewichte Kobo und Sony, liegt aber – trotzdem oder deshalb - sehr angenehm in der Hand. Mit den Wipptasten lässt sich ebenso leicht und komfortabel lesen wie mit dem Finger auf dem Touchscreen.
Der Browser kommt zwar nicht annähernd an einen Android- oder Ei-Book-Browser heran, aber er ist der schnellste mir bekannte E-Book-Reader-Browser.
Positiv fällt auf, dass man sich beim Erststart des Gerätes nicht langwierig irgendwo registrieren muss. Erst der Kauf von Büchern gestaltet sich etwas komplizierter, wenn man die grundlegenden Kaufeinstellungen am Gerät selbst eingeben will. Sowohl die Adobe-ID als auch die Einrichtung eines Kundenkontos bei Thalia gehen über die jeweiligen Webseiten sehr viel schneller.
„Sideloading“ von E-Books ist kein Problem: Mit Drag&Drop oder mit der Buchverwaltung calibre lassen sich die E-Book-Dateien auf das Gerät oder die SD-Karte ziehen. Der E-Reader liest die Bibliothek schnell ein.
Zum Vergleich:
Der Sony PRS-T1 braucht mehr als drei Stunden, um sich seine Datenbank von einer SD-Karte mit 7.000 E-Books zu erstellen, über den Kobo Touch brauchen wir an dieser Stelle nicht zu reden, der schafft überhaupt nicht mehr als 1.200 Bücher, das Cybook Odyssey liest die 7.000 Bände in etwa 13-15 Minuten ein. Die Geschwindigkeit sämtlicher PocketBooks, ob Touch oder Nicht-Touch, ist mit etwa 3 Minuten jedenfall im Moment nicht zu toppen.
Rundum also ein schönes Gerät, …
… wenn da nicht ein geradezu katastrophaler Mangel wäre, der das Cybook Odyssey für einen Buchleser absolut unbrauchbar machte. Der Fehler ist mir schon in der ersten Stunde des Rumspielens aufgefallen. Zuerst dachte ich jedoch, ich sei zu blöde, die *richtige* Einstellung zu finden, aber eine zweimalige Korrespondenz mit Thalia und – weil ich denen dann doch nicht richtig über den Weg traute - eine zusätzliche telephonische Nachfrage bei den französischen Entwicklern zeigte mir, dass die Blödheit jedenfalls nicht auf meiner Seite liegt:
Man kann die Bücher zwar nach Autor, Titel, Kaufdatum, Größe, Dateipfad, Dateiformat usw. ordnen, aber *es gibt keinerlei Such-Möglichkeit in der Bibliothek!* .
Wer nur zwei bis zehn E-Books sein eigen nennt, wird damit leben können. Wer aber ein paar hundert oder ein paar tausend Bücher auf dem Reader hat, muss sich jeweils Seite für Seite durch die gesamte Bibliothek durchblättern, bis er bei „Zweig, Stefan“ angekommen ist. Beim nächsten Öffnen der Bibliothek öffnet sich diese genau an dieser Stelle wieder. Den Weg zum Autor „Aaronovitch, Ben“ kann man sich immerhin etwas verkürzen, wenn man bei Zweig beispielsweise die „Marie Antoinette“ öffnet, anschließend die Bibliothek nach Titeln ordnet – dadurch rutscht die gute Marie in die Mitte der Liste - und nun nur noch etwa zweihundert Seiten zu den „Flüssen von London“ zurückblättern muss und damit bei Aaronowitch mit der Suche nach "Zola, Émile". Bei mir umfasst die Bibliothek übrigens 1.400 Seiten.
Dass ein derart grundlegender Fehler einem Programmierer nicht auffällt, mag ihm verziehen werden, denn Lesen gehört nicht zu den Hauptmerkmalen seines Berufsbildes. Wenn allerdings ein verantwortlicher Buchhandelsmanager, der mit OYO I & II schon die Readerflops par excellence verantwortet hat, ein neues Gerät nicht wenigstens mal für ein Wochenende mit nach Hause nimmt, um es auf Tauglichkeit zu testen, bevor er es für seine Ladenkette ordert, sollte er hochkant gefeuert werden. Fristlos und ohne Abfindung, wenn’s geht.