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Judith Lennox
Die Autorin über sich: Ich wurde in Salisbury geboren, im Südwesten Englands, aber als ich fünf war, zog meine Familie um. Unser neues Haus auf dem Land in Hampshire hatte zuvor einem Wildhüter gehört. Es stand am Waldrand; rundherum gab es keine anderen Häuser, die Wege waren nicht beleuchtet, und wenige Autos passierten die Straße. Unser Wasser schöpften wir aus einem Brunnen, und der Strom kam aus einer privaten Leitung und fiel häufig aus – einmal an Weihnachten, das werde ich nie vergessen. Hinter unserem Haus begann ein riesengroßer Wald, den meine Geschwister und ich erforschten, indem wir auf Bäume kletterten und Verstecke bauten, immer auf der Hut vor den Wespennestern, die in umgestürzten Baumstämmen verborgen sein konnten, und den Kreuzottern, die zusammengerollt in der Sonne schliefen. Hier und da wuchsen Blumen unter dem dunklen Dach aus Buchen und Eichen, und an lichteren Stellen bedeckten wilde Erdbeeren den Waldboden. Nicht weit vom Wald stand ein altes, riesengroßes georgianisches Haus, das damals unbewohnt war und nur als Möbellager genutzt wurde. Wir spielten in dem überwucherten Garten und erkundeten die düsteren Wege rings um das Haus, an dessen abbröckelnder Fassade Fledermäuse hingen. Die Landschaft meiner Kindheit fließt noch immer in meine Romane ein – sie ist in der Schönheit und der Einsamkeit des Landlebens präsent und in den verlassenen, verfallenen Häusern und Gärten.
Als ich fünfzehn war, kehrten wir nach Salisbury zurück. Meine Mutter, eine Wissenschaftlerin, hatte das Landleben einsam und unglücklich gemacht – sie wollte eine Karriere, Freunde, die Gesellschaft Erwachsener, einkaufen, ohne erst vier Meilen mit dem Bus fahren zu müssen. Es fiel mir schwer, mich wieder an die Stadt zu gewöhnen, an Nachbarn, Häuserzeilen, und ich sehnte mich danach, von dort wegzugehen. Einige Jahre später zog ich fort und ging an die Universität von Lancaster, im Nordwesten Englands, um Englisch zu studieren. Dort, auf der Feier zu meinem 21. Geburtstag, lernte ich meinen Ehemann Iain kennen, einen Physiker aus Glasgow in Schottland. Wir heirateten ein Jahr später, zogen einige Zeit durch Südengland, bis wir uns schließlich in Cambridgeshire niederließen. East Anglia ist gekennzeichnet durch einen großen, weiten Himmel, geheimnisvolle Moore und flache, dunkle Felder, völlig anders als die Landschaft meiner Kindheit mit ihren ausgedehnten Wäldern und saftig-grünen Tälern.
Wir haben drei Söhne; als unser jüngster zwei wurde, begann ich, mein erstes Buch zu schreiben. Ich hatte immer schon im Hinterkopf gehabt, einmal einen Roman zu schreiben, war immer eine leidenschaftliche Leserin und stets davon fasziniert gewesen, wie ein Satz eine Landschaft, einen Menschen oder ein Gefühl lebendig machen kann. Außerdem wollte ich meinen eigenen Gedanken Ausdruck verleihen, meine eigenen Geschichten erzählen – Bücher schreiben, die ich selbst gern lesen würde. Und ich brauchte etwas, das mich mit der Welt verband: mir, ebenso wie meiner Mutter, genügte es nicht, zu Hause zu sein. Als ich mich zum erstenmal an meinen Schreibtisch setzte und zu schreiben begann (meine Kinder sicher aufgehoben in der Schule oder in der Krippe, mein Mann bei der Arbeit), verspürte ich ein tiefes Gefühl der Erleichterung und der Freude.
Historische Romane hatte ich schon immer besonders gemocht, weil sie mich in eine andere Zeit hineinversetzen. Meine ersten vier Bücher spielen im 16./17. Jahrhundert. Damals (wie auch heute noch) inspirierten mich Orte – das Grenzland zwischen Engländern und Schotten in »Bis der Tag sich neigt« zum Beispiel, oder die Schlösser des Loire-Tals in »Der Garten von Schloß Marigny«. Schließlich spürte ich, daß mich diese Epoche einschränkte – es gibt eine Grenze, bis zu der ein Autor speziell seine weiblichen Charaktere im 16. Jahrhundert ausgestalten kann und dabei noch historisch korrekt bleibt. »Die geheimen Jahre« war mein erster Roman, der im 20. Jahrhundert spielt; sein Nachfolger »Das Winterhaus« wurde in Großbritannien und Deutschland zum Bestseller.
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren großen Umstürzen, schrecklichen Kriegen und Vertriebenenbewegungen, der Veränderung im Status der Frauen und den gewaltigen Eigentumsverschiebungen von Land und Reichtum ist eine Epoche, die faszinierend und zugleich herausfordernd ist, wenn man über sie schreiben will. Die Ereignisse in der Geschichte prägen das Leben meiner Figuren und zwingen sie mitunter, Wege einzuschlagen, die sie sonst nicht genommen hätten, die ihnen andererseits aber auch Möglichkeiten eröffnen, die sie unter anderen Umständen nicht gehabt hätten. In »Zeit der Freundschaft« ist es der Krieg, der Julia hilft, Unabhängigkeit und Autonomie zu erlangen, sie gleichzeitig jedoch auch ihrer großen Liebe beraubt.
Meine Romane werden gemeinhin als Liebesromane bezeichnet, und es stimmt, dass ich über die Liebe zwischen Männern und Frauen schreibe. Allerdings richte ich ebensoviel Aufmerksamkeit auf die Liebe zwischen Freunden und die Liebe – und Feindschaft, manchmal Haß – zwischen den Mitgliedern einer Familie. Meine Bücher sind zudem Gesellschaftsromane, die zwischenmenschliche Beziehungen ausloten. Ich versuche, dem Leser die Motivation aller meiner Figuren verständlich zu machen, auch die der weniger sympathischen. In »Alle meine Schwestern« wollte ich über das Kräftespiel in einer großen Familie schreiben, über die Bündnisse, die geknüpft werden, und über Liebe und Loyalität, die gleichzeitig mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit bestehen können. Außerdem hat mich das unbewusste Rollenverhalten innerhalb einer Familie interessiert – die schöne Schwester, die talentierte Schwester, die gute, langweilige Schwester, die immer für einen dazusein scheint, Hausfrau wird und zum Kummerkasten für die Probleme aller Familienmitglieder.
Ein wiederkehrendes Merkmal in all meinen Romanen ist die Suche nach Selbstverwirklichung und Erfüllung – besonders meine weiblichen Figuren stellen ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche oft hinter die anderer zurück. Clemency in »Alle meine Schwestern« ist gefangen in den Interessen ihrer Familie, ebenso wie Helen in »Das Winterhaus« – mit tragischen Folgen. Die Heldin in »Die Mädchen mit den dunklen Augen« ist Liv, deren Leben mehr und mehr von der zwanghaften Liebe ihres Mannes Stefan bestimmt wird; ihre eigene Liebe zu den Kindern gibt schließlich den Ausschlag dafür, daß sie ihren Mann verläßt. Meine Figuren kämpfen, auch um sich von anderen Fesseln zu befreien: Romy in »Das Erbe des Vaters« sehnt sich danach, ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen; Alix in »Picknick im Schatten« kann das Verschwinden ihres kleinen Cousins Charlie Lanchbury nicht vergessen. Mein eigenes Leben hat sich in der letzten Zeit sehr stark verändert. Vor drei Jahren haben wir uns ein Haus in Derbyshire Peak gekauft, wo wir ausgedehnte Spaziergänge durch die Hügel machen. Ich verbringe die Hälfte meiner Zeit in Cambridge und die andere Hälfte in Derbyshire, was sowohl mein Verlangen nach Gesellschaft und nach den Vorteilen des Stadtlebens als auch nach Einsamkeit und der Schönheit der Landschaft erfüllt. Meine Söhne sind erwachsen und wohnen nicht mehr zu Hause – zwei von ihnen, beide Wissenschaftler, leben in Cambridge, so daß wir uns glücklicherweise oft sehen können. Der dritte ist Musiker und lebt in London. Letztes Jahr hat er geheiratet, und für mich war es eine große Freude, mit anzusehen, wie die Familie wieder wächst und sich in neue Richtungen weiterentwickelt.
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