ARMUTSMIGRATION als Unwort des Jahres? Diskussion 

Konradin

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März 2008
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Heute stolperte ich beim Lesen des lokalen Käseblattes wieder einmal über den Begriff 'Armutsmigration', welchen ich für einen aussichtsreichen Kandidaten für das Unwort des Jahres halte.

Er fügt sich wunderbar nach 'bester' deutscher Tradition in meschenverachtende Sprachschöpfungen ein wie 'Endlösung' und 'gesundes Volksempfinden', aber auch 'sozialverträgliches Frühableben' ein.

Nicht nur, daß Arme durch ihr Armsein schon stigmatisiert werden, jetzt werden diejenigen, welche der Armut entfliehen wollen, zusätzlich in den Köpfen kriminalisiert.

Durch den Gebrauch solcher Begriffe fördert man Vorurteile und öffnet (vorzugsweise rechtem) Populismus Tür und Tor. Hier sollen zwei Begriffe miteinander verknüpft werden, nämlich 'arm' und 'kriminell'.

Es ist genauso wie bei den 'kriminellen Ausländern', welche sich in den Köpfen schnell auf alle Ausländer ausweiten. Dazu bedarf es keines Rückgrats. Ist man mit einem einzelnen Ausländer konfrontiert, dann meint man natürlich immer einen anderen, denn selbst ist man zu feige, konkret Position zu beziehen. Das macht man dann doch lieber über diffamierende und menschenverachtende Begriffe.

Aber es iost ja nicht nur der einzelne Begriff, es ist eine komplette Strategie. Man weiss genau, wie angreifbar diese Position ist und windet sich dadurch hinaus, daß man das genaue Gegenteil beteuert und das Zauberwort 'Mißbrauch' benutzt, um die öffentliche Meinung auf seine Seite zu beziehen. Denn wer hat nichts gegen Mißbrauch.

Aha, aber warum ausgerechnet nur dort? 'Missbräuchliche Armutsmigranten' möchte man (so jedenfalls der Wunsch der Benutzer dieses Begriffs) unverzüglich Abschieben und die Wiedereinreise verweigern. Wie wäre es, wenn man diesen strikten Umgang mit vorgeworfenem Mißbrauch radikal ausweitet und auch z.B. auf Politiker anwendet? Man könnte dann diejenigen, welchen man Amtsmissbrauch vorwirft, unverzüglich aus ihrem Amt entfernen und eine lebenslange Sperre für weitere öffentliche Ämter verhängen.

Wie ist eure Meinung dazu?
 
Heute stolperte ich beim Lesen des lokalen Käseblattes [...]
Abgesehen vom Thema: Gibt es in der – meiner Meinung nach gleichgeschalteten – BRD-Presse noch Publikationen, die über das Niveau eines Käseblattes hinausreichen?

[...]Begriff 'Armutsmigration', [...]fügt sich wunderbar nach 'bester' deutscher Tradition in meschenverachtende Sprachschöpfungen ein wie 'Endlösung' und 'gesundes Volksempfinden', aber auch 'sozialverträgliches Frühableben' ein.
Nicht nur, daß Arme durch ihr Armsein schon stigmatisiert werden, jetzt werden diejenigen, welche der Armut entfliehen wollen, zusätzlich in den Köpfen kriminalisiert.
Durch den Gebrauch solcher Begriffe fördert man Vorurteile [...]
Es ist nicht nötig, Vorurteile dieser Art zu fördern: Sie haben die Jahrzehnte (Jahrhunderte?) überstanden und werden noch weitere Jahre überdauern.

Aber ...
... es ist doch schließlich die (gottverdammte) Pflicht dieser Armen (deren Heimatländer großteils durch die „Reichen“ der Freien Völkergemeinheit in die Armut gebombt oder gewirtschaftet (ausgebeutet) wurden, in ihren Heimatländern zu krepieren!


Wie in großen Teilen des Erdballs entsetzliche Armut entstand (und immer noch entsteht bzw. noch nicht behoben ist), hier sehr „schön“ beschrieben:
Gerd v. Paczensky: Die Weißen kommen; Hoffmann und Campe, 1970; ISBN3455059007

Nebenbei: Wenn ein deutscher Eingeborener sich aufrafft, und den für ihn hier unerträglichen Verhältnissen entflieht (soll nicht so selten vorkommen), spricht von seinem Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Familie.
 
Abgesehen vom Thema: Gibt es in der – meiner Meinung nach gleichgeschalteten – BRD-Presse noch Publikationen, die über das Niveau eines Käseblattes hinausreichen?
Ok, wenn die allgemeine deutsche Presse das Käseblatt-Niveau kaum übersteigt (gelegentliche Ausnahmen bestätigen die Regel). dann habe ich es hier mit Provinz-Käseblättern zu tun, deren durchschnittliches Niveau noch einige Stufen darunter liegt.

Die drei regionalen Blätter (eine Tageszeitung und zwei wöchentliche Werbeblätter) sind allesamt sehr CDU- und regierungsfreundlich, also ausgesprochen einseitig und lokale Konkurrenz gibt es nicht. Konkrete Wahlaussagen werden bewusst in einen völlig irrealen Kontext gezerrt, um die CDU in allen Punkten als möglichst alleinigen Wahlsieger darstellen zu können (so auch bei der letzten Europawahl).

Bezahlte Werbung wird teilweise nicht kenntlich gemacht und als redaktioner Betrag ausgegeben (Werbung für ortsansässige Firmen, welche man wohl als Werbekunden haben möchte). Abschreiben von kompletten Artikel, die zuvor schon von anderen an anderer Stelle publiziert wurden mit dem einzigen Unterschied, das eigene Namenskürzel noch anzuhängen (ich habe übrigens konkrete Beispiele dafür in meinem Archiv archiviert, um diese Feststellung bei Bedarf auch jederzeit beweisen zu können).

Also unprofessionell, kriminell und sprachlich mitunter auf dem Niveau eines Legasthenikers, gelegentlich mit einem gehörigen Schuß Hetze gewürzt.

Nein, die lokale Presse ist hier weitaus schlimmer als das Durchschnitts-Käseblatt.
 
Ich würde bei dem Wort "Armutsmigration" unterscheiden zwischen der Wortbedeutung und der Verwendung des Wortes.

[...] Nicht nur, daß Arme durch ihr Armsein schon stigmatisiert werden, jetzt werden diejenigen, welche der Armut entfliehen wollen, zusätzlich in den Köpfen kriminalisiert.

Durch den Gebrauch solcher Begriffe fördert man Vorurteile und öffnet (vorzugsweise rechtem) Populismus Tür und Tor. Hier sollen zwei Begriffe miteinander verknüpft werden, nämlich 'arm' und 'kriminell'. [...]

Für mich ist das erst mal ein neutrales Wort, das 2 Inhalte miteinander verbindet, ohne jedoch dabei zwingend einen Bezug zur Kriminalität herzustellen.
"Migration" bedeutet Wanderung, Umzug; durch das vorangestellte "Armut" wird der Grund für die Wanderbewegung dargestellt. Wenn Menschen nix zu beißen haben oder einen Ort kennen, an dem es ihnen wesentlich besser gehen könnte, als an ihrem gegenwärtigen Standort, dann ziehen sie dahin.

Das ist nix verwerfliches, hat's immer gegeben; so gesehen sind die großen Auswanderungswellen nach Amerika im 17. und 18. Jahrhundert auch Armutsmigrationen gewesen.

Bedenklich wird für mich der Gebrauch des Wortes, der einem bestimmten unübersichtlichen Kreis von Menschen pauschal aufgedrückt wird, ohne dabei die sicherlich sehr unterschiedlichen Hintergründe und Auswirkungen zu berücksichtigen. Hinzu kommt, dass implizit bestimmte Assoziationen eingepflegt werden, wie z.B. der "Sozialbetrug", oder die "Erschleichung von Aufenthaltsgenehmigungen" und schon erhält das eigentlich harmlose Wort seine kriminellen Bezüge, die im Eingangspost mit Recht kritisiert werden.
 
Ich würde bei dem Wort "Armutsmigration" unterscheiden zwischen der Wortbedeutung und der Verwendung des Wortes.[...]Für mich ist das erst mal ein neutrales Wort [...]Bedenklich wird für mich der Gebrauch des Wortes, [...] Hinzu kommt, dass implizit bestimmte Assoziationen eingepflegt werden, wie z.B. der "Sozialbetrug", oder die "Erschleichung von Aufenthaltsgenehmigungen" und schon erhält das eigentlich harmlose Wort seine kriminellen Bezüge, die im Eingangspost mit Recht kritisiert werden.
Ich gehe davon aus, dass das BRD-Regime seine Untertanen und deren (zumeist mangelhaftes) Sprachverständnis sehr genau einschätzen kann. Dieser Einschätzung dient nicht zuletzt die rigorose Datenüberwachung (auch der Foren).

Ebenso ist für mich klar, dass es den Schöpfern und Anwendern dieses Begriffs nicht um semantische Feinheiten geht. Die hier an den Pranger gestellte „Einpflegung“ (finde diesen Begriff im Duden nicht) ist m. E. politisch gewollt.

Das Wissen um die reine Wortbedeutung hilft hierbei nicht immer. Beispiel:
„Polak“ bedeutet nichts anderes als „Pole“ (jestem polak: Ich bin Pole)
Trotzdem bin ich mir sehr sicher, dass ein Deutscher, der mich Polak nennt, dies als Beleidigung meint (Erfahrung).

Wenn Politiker mit Begriffen wie „Armutsmigration“ argumentieren, wissen sie – und kalkulieren es bewusst ein – dass sie zündeln.
Sie mögen zwar kriminell sein, aber wer sie und ihren Zuarbeiterstab für dumm hält, unterschätzt diese Vereinigung.
 
Mir geht es ähnlich wie littleprof. Das Wort für sich alleine ist eigentlich noch harmlos. Es beschreibt ein Phänomen, welches auch tatsächlich stattfindet. Schlimm ist nicht das Wort, sondern das braune Gedankengut, das manch einer damit verbindet - die Unterstellung, dass Ausländer nur zu uns kommen, um uns auszusaugen, also quasi mit unredlichen Absichten unser reines Volk unterwandern, vielleicht sogar noch unter Vorspiegelung falscher Motive in unser Land kommen, um uns wegzunehmen, was uns gehört.

Meine ganz persönliche Meinung: Tja, selbst wenn es das gibt, so ist es wohl die Retourkutsche für eine jahrzehntelange unbarmherzige und grauenhafte europäische Kolonialpolitik. Wer kann es einem Inder übelnehmen, wenn er sich nun in England auch noch eine Scheibe abschneidet... oder einem Algerier, wenn er sich nun an Frankreich gütlich tut. Ich verstehe das sehr gut. Saat und Ernte. Vielleicht täten wir besser daran zu verstehen, dass wir im Ausland auch Ausländer sind.... die Erde ist rund und wir alle haben ein Recht zu leben.
 
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Seit Jahren wird diese krude Argumentation wieder und wieder angewandt. Die Ausgangssituation ist dabei jedes mal dieselbe, es besteht eine als politisch nicht korrekt angesehene Assoziation einer Bezeichnung für eine (wie auch immer charakterisierte) Bevölkerungsgruppe und einer negativen Verhaltensweise. Da es in den Weltbildern, die man heutzutage öffentlich noch vertreten oder auch nur diskutieren darf, es keinen kausalen Zusammenhang zwischen negativen Verhaltensweisen und beispielsweise dem kulturellen oder sozioökonomischem Hintergrund einer Gruppe geben darf, ist die Erklärung einfach: Die Assoziation ist durch falsche, abwertende Verwendung des Wortes selbst entstanden, losgekoppelt von den realen Gegebenheiten. Die Lösung liegt entsprechend auf der Hand, man brandmarkt den alten Terminus mindestens als inkorrekt, wenn es denn irgendwie zu rechtfertigen ist besser gleich als rechtsextrem. Als Ersatz führt man eine neue Worthülse ein, in aller Regel abstrakter oder unverständlicher, um den Bezug zum eigentlich Gemeinten zu verwischen. Auf diese Weise haben wir es in den vergangenen Jahren etwa von den "Zigeunern" über "Roma/Sinti" zu "Migranten aus Osteuropa" geschafft. Dabei tritt ein für den Correctness-Fanatiker nur schwer erklärbares Phänomen auf: Die alte Assoziation manifestiert sich innerhalb kurzer Zeit wieder in den Köpfen der Bevölkerung, nun halt auf den neuen Namen gemünzt, der konsequenterweise jetzt auch als abwertend empfunden wird. Als einzigen Ausweg bleibt der übliche Sündenbock, die unheilige Allianz zwischen (konservativen?) Medien und Politik, die der dummen Masse durch manipulative Nachrichten ein Zerrbild der Realität vorspielt und dadurch diese menschenfeindlichen Assoziationen aufs Neue heraufbeschwört.

Die offensichtliche Erklärungsmöglichkeit bleibt da natürlich außen vor, die Menschen prägen ihre Sprache wie sie es seit Entstehung dieser selbst getan haben, ein Begriff wird mit den persönlichen Erfahrungen zum damit Bezeichneten verknüpft. So auch im konkreten Fall, die (wenn überhaupt vorhandene) Assoziation zwischen "Armutsmigranten" und Kriminalität entsteht nicht durch das Wort selbst (wie auch, bei derart wertfreien Wortbestandteilen), noch durch dessen Verwendung in den Medien, sondern schlicht durch die erlebte Realität großer Teile der deutschen (Großstadt-)Bevölkerung. Der Blick in die polizeilichen Kriminalstatistiken bestätigt die im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil überproportionale kriminelle Aktivität diese Gruppe. Sofern man eine Statistik zu sehen bekommt, für die entsprechende Daten überhaupt noch erhoben wurden, man hat den Eindruck das unbeliebte Schlussfolgerungen durch Unterschlagung dieser Daten gerne von vornherein ausgeschlossen werden.

Letztendlich kann man Begriffe austauschen und Unwörter deklarieren so viel man will, die eigentliche Baustelle ist nicht die Sprache selbst, sondern die Realität, die die Sprache formt. Die umgekehrte Richtung war immer und wird auch in Zukunft ein fruchtloses Unterfangen bleiben, Probleme wollen gelöst, nicht umbenannt werden (was sich sicherlich leichter schreibt als umsetzen lässt, keine Frage).
In Deutschland sind wir von Lösungen für Probleme, die man nicht mal benennen darf ohne politisch bewertet zu werden, sicher weit entfernt.
 
Und wie würdet ihr es nennen? Früher gab es ja mal den Begriff "Wirtschaftsflüchtling". Wäre der besser?
Oder tun wir jetzt einfach so, nur weil einigen der offizielle Begriff nicht gefällt, als würde es das Problem nicht geben?
 
Letztendlich kann man Begriffe austauschen und Unwörter deklarieren so viel man will, die eigentliche Baustelle ist nicht die Sprache selbst, sondern die Realität, die die Sprache formt. Die umgekehrte Richtung war immer und wird auch in Zukunft ein fruchtloses Unterfangen bleiben, Probleme wollen gelöst, nicht umbenannt werden (was sich sicherlich leichter schreibt als umsetzen lässt, keine Frage).
In Deutschland sind wir von Lösungen für Probleme, die man nicht mal benennen darf ohne politisch bewertet zu werden, sicher weit entfernt.

Da hast du natürlich vollkommen recht, nile;
das Problem ist in erstder Linie nicht die Sprache, sondern es sind die realen Gegebenheiten. Henry277's Feststellung, das Problem würde durch Umbenennung nicht gelöst, ist ebenfalls richtig.
Trotzdem ist Sprache ein Teil der Lösung, und wenn ich Konradins Eingangspost richtig verstehe, dann kritisiert er den manipulativen Umgang mit der Sprache, wenn über die sog. Armutsmigration diskutiert wird.

Ich kann dem Gedankengang niles gut folgen: Meistens spielt sich das inhaltliche Füllen von Worthülsen allein in unseren Köpfen ab. Wenn diese Bezeichnungen mit unerwünschten Emotionen besetzt werden, werden sie ausgetauscht in der (sinnlosen) Hoffnung, sie damit wieder neutral erscheinen zu lassen.
Ich denke in diesem Zusammenhang an den Neger, Mohren, Afro-Amerikaner, Schwarzen, Farbigen, Multipikmentierten - lasse dabei bewusst die eindeutig diffamierenden Ausdrücke Kaffer, Nigger, o.ä. beiseite.
Ein anderes Beispiel ist die Hilfsschule, Sonderschule, Förderschule ...
 
Für mich ist das erst mal ein neutrales Wort, das 2 Inhalte miteinander verbindet, ohne jedoch dabei zwingend einen Bezug zur Kriminalität herzustellen..
'Endlösung' ist an sich auch ein sehr neutrales Wort und auch 'gesundes Volksempfinden' hört sich durchaus recht harmlos an. Aber auch das 'sozial verträgliche Frühableben' ist ausgesprochen neutral und emotionsfrei (und eben genau deswegen so menschenverachtend).

Der Bezug zur Kriminalität entsteht natürlich nicht durch die Wortschöpfung an sich, sondern durch die regelmässige Verknüpfung mit Begriffen wie Mißbrauch, die anschliessend in den Köpfen Wirkung zeigt.

Man doch gerade bei den Arbeitslosen recht schön gesehen, wie gut es funktioniert. Man prangert einige Extremfälle an und gebraucht das Wort Mißbrauch im Zusammenhang mit Arbeitslosen inflationär. Nach einiger Zeit ist dann fast jeder Arbeitslose ein gefühlter Sozialschmarotzer.

Oder das Gleiche bei den 'kriminellen Ausländern'. Auch dort hat es ausgezeichnet geklappt.

Und wie würdet ihr es nennen? Früher gab es ja mal den Begriff "Wirtschaftsflüchtling". Wäre der besser?
Oder tun wir jetzt einfach so, nur weil einigen der offizielle Begriff nicht gefällt, als würde es das Problem nicht geben?
Die Frage ist doch, für wen wir diese Begriffe nutzen.

Wieviel Prozent der ehemaligen geflüchteten DDR-Bürger galten eigentlich als Wirtschaftsflüchtinge und wieviele Prozend der Russland-Deutschen? So weit ist weiss genau NULL Prozent. Seltsam nur, daß der überwiegende Teil wohl gerade aus wirtschaflichen Gründen hierher gekommen ist, bevor er bemerkte, daß der goldene Westen doch eben nicht so golden ist. Bei einem Afrikaner war das natürlich grundsätzlich anders. :D

Das Problem der ungerechten Verteilung der Güter (weltweit) ist ein Problem. Das Problem der deutschen Einwanderunspolitik ist ein anderes Problem. Der Versuch, die ungerechte Verteilung der Güter zu Lasten der Betroffenen, dahinngehend zu beieinflussen, indem man sie stigmatisiert ist allerdings keine geeignete Maßnahme, eines dieser beiden Probleme tatsächlich zu lösen. Man baut nur Fronten auf und findet Schuldige. Zu was dies regelmässig führt, das hat die Geschichte schon oft genug gezeigt.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Wieviel Prozent der ehemaligen geflüchteten DDR-Bürger galten eigentlich als Wirtschaftsflüchtinge und wieviele Prozend der Russland-Deutschen? So weit ist weiss genau NULL Prozent. Seltsam nur, daß der überwiegende Teil wohl gerade aus wirtschaflichen Gründen hierher gekommen ist, bevor er bemerkte, daß der goldene Westen doch eben nicht so golden ist.

Die DDR Bürger die nach den Westen abgehauen sind, wussten vorher schon auf was sie sich einliessen. Sie wussten genau das nicht alles Gold ist was glänzt. Sie nahmen das Risiko in Kauf, entweder Hopp oder Topp!
Muss ja einen Grund haben das sie den Sozialismus den Rücken kehrten. Von den Leuten die ich kenne, sind beruflich alle was geworden.
 
Jedenfalls meine ich, daß der Überwiegende Teil die DDR aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hat und die wenigsten echte Dissidenten waren.

Nur, hierzulande kam niemand auf die Idee, sie als Wirtschaftsflüchtlinge zu bezeichnen (weil der Begriff schon für eine andere Bevölkerungsgruppe reserviert war, die man damit recht gut verunglimpfen konnte, denn der Begriff wurde keineswegs wertneutral eingesetzt).

Armustmigration schlägt in die gleiche Kerbe, nur diesmal wieder eine etwas andere Zielgruppe und noch ein wenig drastischer.

Ginge es wirklich um des Wortes Bedeutung allein, dann wäre der Sachverhalt mit dem Vorgängerwort Wirtschaftsflüchtling längst abgedeckt und der Begriff selbst wäre vollkommen überflüssig.

Und genau das zeigt in meinen Augen recht deutlich, welche Intention wirlich dahintersteckt.
 
Ginge es wirklich um des Wortes Bedeutung allein, dann wäre der Sachverhalt mit dem Vorgängerwort Wirtschaftsflüchtling längst abgedeckt und der Begriff selbst wäre vollkommen überflüssig.

Und genau das zeigt in meinen Augen recht deutlich, welche Intention wirlich dahintersteckt.
Ich denke es liegt mehr daran, dass der eingefleischte deutsche Beamte sich nicht mit der normalen Sprache zufrieden geben kann. Aus dem einfachen Einwanderer musste ein Migrant werden. Und so wird der mittellose Einwanderer, im Behördendeutsch halt zum Armutsmigrant.

Ich glaube ihr macht euch viel zu viele Gedanken darüber, ob hier wirklich jemand einen negativ geprägten Begriff kreieren wollte. Viel wahrscheinlicher ist, das man mal wieder versucht hat, einen angeblich "politisch korrekten" Begriff zu erfinden. Erinnert sei hier nur an den Negerkuss, oder Mohrenkopf, der unbedingt zum Schaumkuss mutieren musste.

Mit den DDR Flüchtlingen gebe ich dir vollkommen Recht. 99% aller die unbedingt in den Westen wollten, hatten nichts weiter im Kopf als die übervollen "Honigtöpfe", von denen sie auch naschen wollten. Wenn ich dieses ständige "sie wollten doch nur in die Freiheit" höre, kann ich immer nur mit dem Kopf schütteln.
 
Ich glaube ihr macht euch viel zu viele Gedanken darüber, ob hier wirklich jemand einen negativ geprägten Begriff kreieren wollte. Viel wahrscheinlicher ist, das man mal wieder versucht hat, einen angeblich "politisch korrekten" Begriff zu erfinden. Erinnert sei hier nur an den Negerkuss, oder Mohrenkopf, der unbedingt zum Schaumkuss mutieren musste.
Ich glaube, du hast das Wesen der political correctness nicht begriffen. Es geht nicht darum, tatsähclich politik korrekt zu sein, sondern (weil man es wohl nicht ist) um jeden Preis so zu scheinen. Der neue 'politisch korrekte' Sprachgebrauch befreit einen dann von der Last, sich tatächlich um Korrktheuit zu bemühen.

Es ist meiner Meinung nach in einer Zeit, in der das 'Arbeitsamt' ein Vermögen dafür ausgibt, sich in 'Arbeitsagentur' umzubenennen, völlig abwegig zu glauen, daß solche sprachlichen Dinge zufällig und nebenbei geschehen. Man hat schliesslich von den Aktvorderen gerlernt (und in dieser Hinsicht nicht zu knapp).

Wenn in der Presse dann in jedem zweiten Statement der Begriff 'Missbrauch' genannt wird, dann ist das für die dahinterliegende Absicht recht erhellend und zeigt, daß beide Kampagnen (die Einführung des Begriffes 'Armutsmigration' und die Verknüpfung mit derm Wort 'Missbrauch') ausgersprochen koordieniert vorgenommen werden.

Solche Massnahmen der 'Sprachpflege' zeigen durchaus Wirkung. War der Begriff 'Pilot' damals noch dem fliegenden Personal vorbehalten, so fand durch stetigen inflationären Gebrauch der Verknüpfung von Rennsport und Pilot im Wort 'Formel1-Pilot' dahingegend ein (inszenierter) Bedeutungswandel statt, der die Krise des Rennsports durch einen Imagewandel erfolgreich zu übertünchen versuchte. Mittlerweile ist das Wort 'Rennfahrer' zwar noch bekannt, wird aber eigentlich nur noch historisierend benutzt.

Man muss es nur oft genug gehört haben und dann geht aus aus den Köpfen nicht mehr heraus. Ein anderes Beispiel. Getreide kennt man ja gerade noch, aber man benutzt den Begriff fast schon nicht mehr. Cerealien ist da weitaus imageträchtiger. Vielleicht sollten wir ein wenig mehr nicht nur nach Mr. Brain schauen, sondern unser eigenes Hirn einschalten, anstatt nur nachzuplappern.
 
Das ganze nennt man Neologismus.

Neologismen bei gesellschaftlichen und politischen Veränderungen

Gesellschaftliche Veränderungen, die eine politische Legitimation benötigen, führten oft zur Neuschöpfung von Wörtern. Beispielhaft dafür sind Neologismen aus der Zeit des Kolonialismus, der Entwicklung von Rassetheorien und einer sogenannten Afrikaterminologie.[4] Hier war Sprache ein wichtiges Medium zur Herstellung und Vermittlung des Legitimationsmythos, Afrika sei das homogene und unterlegene »Andere« und bedürfe daher der »Zivilisierung« durch Europa. Dieser Ansatz schlug sich in einer kolonialen Benennungspraxis nieder, die afrikanische Eigenbezeichnungen ignorierte und vermied, für gegenwärtige europäische Gesellschaften gültige Begriffe auf den afrikanischen Kontext zu übertragen.

Quelle: Wikipedia

Hier noch eine Liste von neuen Wörten, einige oder die meisten kennt man schon.
Aus alt wird neu.:rolleyes:

Neologismen - neue Wörter

Archaismen sind auch ganz interessant.

Archaismen - alte Wörter

Schon einer von Euch gewusst was ein Gesichtserker ist? :D
 
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Ich habe mir mal den Link zu den Archaismen zu Gemüte geführt und ehrlich gesagt strotz diese Seite nur so vor Oberflächlichkeiten. Wild zusammengestoppeltes Zeugs mit mitunter hanebüchenen (und auch haaresträubenden) Begründungen.

Das Wort Adamskostüm habe ich heute im Fernsehen mehrmals gehört und das Wort Bengel lese oder höre ich recht häufig. So tot sind diese Begriffe also keineswegs und es gibt keinen triftigen Grund, sie etwa mit Muhme und Oheim auf eine Stufe stellen zu müssen. Was ist mit Klinkenputzen? Oft gehört und oft benutzt. Ebenso Rabeneltern, Notdurft, Schelte...

Knorke kenne ich eigendlich nur als Berliner mundartlichen Begriff. Was ist eigentlich mit Dialekten, gelten sie allesamt als veraltet, weil sie nicht jeder Jugendliche benutzt?

Was ist mit Begriffen, die zwar auch hete noch jeder benutzt, die im Laufe der Zeit aber einen erheblichen Bedeutungswandel erlebt haben (z.B. 'enttäuscht' bedeutete ursprünglich 'eine Täuschung losgeworden' und dies keineswegs im heutzutage üblichen ausschliesslich negativen Sinn)?

Begriffe, welche einen nicht mehr üblichen Gegenstand bezeichnen (wie z.B. Diskette), als veraltet anzusehen ist schlicht und einfach Unsinn. Denn nicht der Begriff 'Diskette' ist veraltet (man wird ihn auch noch in 100 Jahren benutzen, wenn man von einer Diskette reden wird), sondern der Gegenstand selbst.

Natürlich verschwindet das Wort immer weiter aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, denn manges Disketten wird man sich nicht mehr so oft damit beschäftigen, so auch Wählscheibe und Deutsche Mark.

Ist eigenlich auch der Begriff 'Magnetohydrodynamik' veraltet, weil er nicht zum Durchschnittsrepertoire deutscher Jugendlicher gehört?

Unsere Kleider halten wir nicht mehr mit Fibeln zusammen, was nun keineswegs bedeutet, daß dieser Begriff veraltet ist. Wie sollten wir diese denn sonst benennen oder sie stattdessen einfach nur umschreiben? Und wie ist es mit antiken Kleidungsstücken (Toga, Tunika), die zum Teil moderne Pendants haben, zum Teil aber eben auch nicht?

Für mich stellt die Seite einen untauglichen Versuch dar, (eine nicht einmal einheitlich existierende) Jugendsprache als Standard zu etablieren und alles Nicht-Jugendlichen (erst sprachlich und später somit auch inhaltlich) ins Abseits zu drängen.

Schafft doch gleich die deutsche Sprache ab und ersetzt sie durch Pseudo-Englich. Die Satzzeichen sind bei einem Teil der Jugend mittlerweile auch schon fast unbekannt. Sind diese deswegen auch veraltet?

Mich deutcht, ich könnte noch viele Beispiele finden, wenn ich nur wollte, aber mir schwant gleichzeitig auch, daß dies an dieser Stelle wohl eher nutzlos ist. Denn eigentlich geht es dabei nicht um alte gegen neue Sprache, sondern um Sprachvielfalt gegen Spracharmut.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
@ Konradin
Auch wenn es vom eigentlichen Thema wegführt möchte ich gerne anmerken, dass ich deine Kritik an der Archaismen-Seite nicht nachvolziehen kann.

Archaismen sind erstmal Wörter, deren Gebrauchshäufigkeit abnimmt; das trifft auf die meisten Wörter der Seite zu.
Wann ein Begriff nur noch so selten gebraucht wird, dass er als veraltet angesehen wird, ist eine andere Frage, die auch wahrscheinlich individuell unterschiedlich beurteilt wird.

Außerdem sind viele Archaismen durchaus gleichzeitig Historizismen, d.h. der Gebrauch nimmt ab und verschwindet möglicherweise, weil es den beschriebenen Sachverhalt nicht mehr gibt.
Frag doch mal einen 10-jährigen, was ein Bandsalat ist.

Letzter Punkt: Was will die Seite? Ich denke, der/die Macher sehen sich nicht als Retter aussterbender Formulierungen, sie will unterhalten, vielleicht auch zum Mitdenken anregen. Im Impressum ist zu lesen:
Über kunst-worte.de
Das Portal kunst-worte.de ist ein Webportal für registrierte Wortkünstler, um eigene Wörter zu veröffentlichen und bekannter zu machen. Neben eigenen Kreationen existiert die Möglichkeit, bekannte Kunstworte aus dem Bereich Marken, Neologismen und Archaismen hier einzutragen und zu veröffentlichen.
Der Archaismen-Bereich lebt also von der Vielfalt der User und fällt entsprechend unterschiedlich aus.

Ich sehe auch Optimierungsmöglichkeiten - z.B. sind viele Archaismen nur erklärt, dabei verbergen sich dahinter häufig interessante Entstehungsgeschichten, wie z.B beim Erbsenzähler:
Der Begriff stammt von einem Ausspruch eines Zeitgenossen über Karl Baedeker, einen Herausgeber von Reiseführern. Beim Besteigen des Mailänder Doms ertappte der westfälische Freiherr Gisbert von Vincke 1847 Baedeker dabei, wie dieser alle 20 Stufen stehen blieb und eine trockene Erbse von der Westen- in die Hosentasche steckte. Mit 20 multipliziert, ergab die Zahl der Erbsen plus Reststufen die präzise Stufenangabe für den späteren Reiseführer. Beim Abstieg machte er dann die Gegenprobe.
Anderes Beispiel: Fisimatenten von frz. "Visit ma tent" (Komm mich im Zelt besuchen), was die französischen Soldaten zu den Mädchen im Elsaß gesagt haben sollen.
Hier sind eindeutig Chancen vertan. Ich würde diese Seite nicht aufsuchen, um mich über irgendwelche Wörter zu informieren, aber mal drüber lesen und Anregungen zum Nachdenken über Sprache kriegen - warum nicht.
 
@ Konradin
Frag doch mal einen 10-jährigen, was ein Bandsalat ist.
Das liegt dann aber an dessen mangelnden technischen Interesse und nicht daran, daß er es nicht wissen könnte. Ein Beispiel:

Zur Zeit der Französischen Revolution gab es einen nach einem französischen Arzt benannten Gegenstand, welcher mittlerweile längst nicht mehr benutzt wird. Dennoch ist dieser Begriff nach wie vor jedem halbwegs gebildeten Deutschen unter dem Namen 'Guilliotine' bekannt, auch wenn er im täglichen Smalltalk auf BILD-Niveau kaum eine Verwendung findet.

Es ist nach wie vor aktuell, in historischen (auch philosophischen und anderen) Sachzusammenhängen eben diesen Gegenstand zu benennen, und zwar nach wie vor mit der gleichen Bezeichnung. Ich glaube auch nicht, daß die Benutzung diese Begriffs in den letzten Jahren rückläufig war.

In der heutigen (!) Augabe der Cuxfavener Nachrichten kommt der (angeblich mittlerweile unverständliche) Begriff 'ABC-Schütze' gleich fünfmal vor. Auch dies werte ich keineswegs als Indiz eines baldigen Aussterbens.

Letzter Punkt: Was will die Seite? Ich denke, der/die Macher sehen sich nicht als Retter aussterbender Formulierungen, sie will unterhalten, vielleicht auch zum Mitdenken anregen...
Was erwartes du von der Seite eines (warhrscheinlich nicht gerade erfolgreichen) Werbe- und Medienmenschen, der meines Empfindes nach gut in das Klischee jung, dynamisch, erfolglos hineinpasst? Unterhaltung wäre das Letzte, was mir dabei einfallen würde. Wohl eher Werben für ghanz bestimmte Inhalte.

Jedenfalls hat der junge Mann es nicht geschafft, seine Seite auch nur halbwegs zu pflegen. Es reicht ihm, daß sie in die gängigen Suchmaschinen eingetragen ist und gefunden wird (was wohl zu seinen Kernkompetenzen gehören dürfte). Aber das reicht ihm dann wohl offenbar schon aus.

Es ist übrigens in diesem Sachzusammenhang vollkommen egal, mit welchem Hintergrund ein Begriff geprägt wurde. Was zählt, das ist, ob er auch heute noch benutzt wird oder nicht undich denke, der Begriff 'Erbsenzähler' ist ebenso ein (zeitloser) Klassiker wie selbst in Euro-Zeiten der Pfennigfuchser.

Geht es um die pure Häufigkeit, dann ist der Begriff Zweitausendvierzehn am Jahresende total veraltet, weil er dann (dank neuem Kalender) auf einen Schlag erheblich seltener benutzt wird. Also auch ein Aussterbekandidat?
 
Der nach und nach in Vergessenheit geratende Bandsalat ist weniger auf das fehlende technische Interesse heutiger Kinder zurück zu führen als vielmehr auf fehlende praktische Erfahrungen damit.

Der Vergleich mit 'Guilliotine' ist nicht ganz glücklich, denn das Wort ist wie ne Vokabel - entweder du kennst die Bedeutung oder nicht. Beim Bandsalat sind verschiedene Assoziationen möglich.

Bin ganz deiner Meinung, dass Pfennigfuchser, Erbsenzähler, Backfische und Konsorten Klassiker sind, die sich hoffentlich nie ganz verlieren, aber mir ist auch der Hintergrund dieser Ausdrücke wichtig. Gerade das ist doch das spannende an Sprache, dass sie auch Lokal- und Zeitkolorid vermittelt und häufig weitaus mehr transportiert, als die einfache Übersetzung in ein anderes Wort.
 
Bandsalat kenne ich auch noch.
Es war immer sehr ärgerlich wenn das Tonband der Kassette der mühsam aufgenommenen Hits vom RIAS oder vom SFB beim abspielen sich plötzlich zwischen Umlenkrolle und Tonkopf verhedderte.

Aber ich kenne noch viele weitere Wörter, die es so nicht mehr gibt, die schon längst ausgestorben sind.

Kennt jemand noch die Wörter Polylux, Sprelacart, SERO?
Ich verspeis mal so lange bis ihr es erratet mal eine Grilletta, vielleicht schaff ich noch eine Ketwurst.:)

Ich glaube die wenigsten Leute können mit diesen Wörtern und Begriffen (noch) was damit anfangen. Obwohl es ist erst etwa 25 Jahre her wo diese Wörter ganz normal zum deutschen Wortschatz gehörten.
 
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