...ich fürchte, der Mensch braucht nicht nur Freunde, er braucht auch Feinde.
Wenn wir uns gegen etwas abgrenzen können, hilft das eine Identität zu finden (mal unabhängig davon wie brauchbar oder tragfähig diese ist).
Es hilft mit, mich (und meine Gruppe) aufzuwerten und stärkt mein Zugehörigkeitsgefühl, wenn ich andere abwerten kann. Die wachsende Globalisierung verändert die Feindbilder, macht sie aber nicht etwa überflüssig. Ich weiß nicht, ob wir schon soweit sind, dass wir auf feindbilder dieser Art verzichten könnten.
Ich rede auch nicht davon, dass jeder gleichermaßen diesem Prozess anheimfällt.
Ich meine damit, es gibt diese Grundstruktur, ein Verlangen, sich und andere in ein Ordnungs-System einzuordnen, und dieses System muß halbwegs überschaubar sein und mir auch meinen Wert klarmachen.
Von Jeher hat uns Fremdes Angst gemacht. Je nach Situation ist das lebensrettend, aber durch die Globalisierung werden wir zunehmend mit "Anderem" konfrontiert.
Zusätzlich dazu gehen Werte verloren, die einerseits stabilisierend wirken können, für andere natürlich auch enengend: von uns wird zunehmend große Flexibilität erwartet, Lebensstrukturen verändern sich (früher hatte man einen Job vermutlich ein Leben lang, heute ist das die Ausnahme, nur zum beispiel)
Ich glaube nicht, dass es dafür wirklich je "befriedigende" Antworten gebben kann, aber Dinge wie Protest (wenn auch den Protestierenden oft gar nicht klar ist, wogegen sie eigentlich sind), Angst vor Fremdem, psychosozile Schieflagen sind sicher immer teil des Ganzen.
Die Tradition, nach rechts zu protestieren ist stäker und älter als die, nach links hin zu protestieren, nach dem, was ich azu so gelesen habe.
Nicht nur in Deutschland.
Ich schließe nicht aus, das "rechts" mehr vermeintliche Sicherheit zu geben scheint als "links", u.a. wegen folgenden Aspekten:
- Nationalismus und metaphysische Überhöhung des Staates und seiner Symbole;
- abstrakte Autoritäts‑ und Institutionsgebundenheit;
- Legitimierung von Gewalt, Aggression und Krieg als Kern der Staats*räson;
- Unterdrückung von Individualität, Gefühlsäußerung und Sexualität in einer repressiven Moral.
Kann also durchaus in gewisser Weise auch als Religions-Ersatz dienen, salopp formuliert, da, wo auch Religion heute vielen oft keine Antwort mehr geben kann.
Ehre als Etikett wird immer wieder mit sehr unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Mann kann schlecht hingehen und jemandem sein recht, Ehre anders zu definieren, aberkennen.
Man muß den Definitionen weder zustimmen noch sie gutheißen, aber jede Kultur hat das recht auf seine eigenen Definitionen.
Streit, Mißverständnisse und Morde kommen auch oft genug innerhalb von Klein-Systemen wie Familien vor, umso mehr steigt natürlich die Gefahr zwischen den Kulturen.
Ich habe den Eindruck, es bringt wenig, das Phänomen Rechtsradikalismus einfach nur pauschal abzulehnen. es drückt etwas aus, das offenbar noch keine "Antwort" gefunden hat, ein Bedürfnis, das man sicher auch anders "befriedigen" kann, aber wir sind vielleicht einfach noch nicht soweit.
Wir können nur weiter daran arbeiten, für Verstehen, Respekt und Akzeptanz zu kämpfen.
[soweit mein Wort zum Mittwoch]
fühlt Euch frei, mich wie auch immer mißzuverstehen
