Pisa-Studie: Deutsche Ergebnisse so schlecht wie nie Allgemein 

littleprof

Urgestein
Registriert
Feb. 2005
Beiträge
1.001
... so lautet eine Schlagzeile von gestern. Schlimm, wie schlecht wir im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn aussehen, oder?

In den letzten Untersuchungen wird immer wieder lamentiert, dass es der Schule nicht gelingt, den unterschiedlichen häuslischen Voraussetzungen Rechnung zu tragen und allen Kindern die gleichen Startchancen zu bieten.

Aus meiner Sicht ist das unter den bestehenden Rahmenbedingungen an Schulen ein hoffnungsloses Unterfangen.
Die unterschiedlichen Deutschkenntnisse und Sprachniveaus sind ein großes Problem - sicher noch am ehesten in KiTa und Schule zu bearbeiten. Hinzu kommen allerdings noch andere Kompetenzen, wie Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, Aufmerksamkeitsfähigkeit, soziale Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit und -bereitschaft, Hilfe annehmen und geben können und vieles mehr, was die Lernmöglichkeiten in der Schule beeinflusst.

Eltern geben heute vielfach ihre Kinder schon sehr früh in Betreuungseinrichtungen, die dann diese Voraussetzungen schaffen sollen. Oder sie schicken ihre Kinder in gar keine vorschulische Institution, so dass diese dann relativ unvorbereitet mit 6 Jahren in der Schule landen - da braucht es dann schon personell und programmatisch gewaltige Anstrengungen, wenn man gleiche Bildungschancen schaffen will.

Ein 2. Gedanke kommt mir gerade noch:
Vielleicht hinken wir mit unseren pädagogischen Maßnahmen auch immer etwas hinter her. So hieß es in der Vergangenheit oft, die Digitalisierung an unseren Schulen käme überhaupt nicht voran.
Die skandinavischen Länder, die in der Regel bei den Bildungsstudien immer recht gut abschneiden, sind da schon wieder einen Schritt weiter. Sie korrigieren ihre früher sehr euphorische vorangetriebene Digitalisierung an Schulen und setzen vermehrt wieder auf analoge Lernmittel.
Nach sinkende Leistungen bei internationalen Vergleichsstudien wie PISA sowie Warnungen von Forschern (u. a. des Karolinska-Instituts), dass Bildschirme zu Ablenkung und geringerem Textverständnis führen, stoppte die schwedische Regierung z.B. die nationale Digitalisierungsstrategie und investiert hunderte Millionen Kronen in gedruckte Schulbücher. Seit Juli 2024 definiert das Schulgesetz ein Lehrbuch verbindlich als gedrucktes Medium.

Einen interessanten Artikel dazu findet ihr hier.
 
Überraschen tut es mich jedoch nicht wirklich.
Das Problem lässt sich jedoch nicht einfach nur auf einen Punkt zusammenführen. Ich denke, da sind mehrere Punkte das Problem. Wie du sagtest, denke ich auch das man die Rahmenbedingungen anpassen muss. Die unterschiede in den Sprachniveaus spielen sicherlich auch keinen zu unterschätzenden Anteil daran, wie gut das System greifen kann. Ob Digitalität an Schulen nun gut oder schlecht ist, ist etwas anderes und würde in diesem Fall auch am Thema vorbeigehen. Jedoch denke ich, dass sichauch dort einiges ändern muss um an die aktuelle Haltung der Personen greifen zu können. Auch die Bereitschaft, mehr zu machen bzw. sich anzustrengen und das Durchhaltevermögen ist auch eine wichtige Komponente, dass sehe ich auch so.
Wichtig ist vor allem (meine Meinung dazu), dass das ganze Thema mit Smartphones, Social Media und co angepasst werden muss. Kinder bekommen heutzutage nen Smartphone in die Hand gedrückt bzw. vorn Fernseher/Computer/etc gesetzt und sollen sich beschäftigen. Das dabei idR nur "verdummung" bei herumkommt, ist nicht verwunderlich.

Das ganze System muss angepasst werden und nicht nur ein einzelner Bereich, sonst wird das nichts.
 
Also die Politiker an den Hebeln der (Bildungs-) Macht hat's sicher schon unangenehm überrascht - sie treiben doch alle naslang eine neue Innovations-Sau durch's Dorf und müssen sich ja schon von Berufs wegen wundern, dass trotzdem keine Fortschritte zu messen sind.

Die Ursachen für die Eintrübung des Schulhimmels sind vielfältig und man kann darüber nur mutmaßen. Wären sie offenkundig und nachweisbar, könnte man ja gezielter daran arbeiten.
Ein paar Ideen hierzu:

In der Vergangenheit sind manche Regelungen in unserem Schulsystem weggefallen, oft eher aus finanziellen als pädagogischen Gründen. Die Ideen dahinter waren sinnvoll, aber man hat nicht bedacht, dass die Umsetzung auch Geld kostet und man letztendlich nix spart, vielleicht auch sogar noch tiefer in die Tasche greifen muss. Dadurch fielen die Innovationen halbherzig aus, es fehlt an Mensch und Material und gute Ideen verpufften.

Ich denke da z.B. an die Vorschule, auch Schulkindergarten genannt. Im Spätherbst wurden Kids, die im 1. Schuljahr noch überfordert schienen, von einer Fachkraft begutachtet und im Dialog mit Eltern und Lehrer*innen für ein Jahr zurückgestellt und in diesen Schulkindergarten überwiesen.
War für viele Kinder hilfreich!

Damit zusammenhängend war man bei der Einschulung flexibler als heute: Lehrer und Schulärzte konnten zusammen mit den Eltern relativ unbürokratisch Kinder für ein Jahr zurückstellen und im Kindergarten belassen.

Ein anderes Beispiel ist der allmähliche Wegfall von Schulformen wie Haupt- und Sonderschule. Die Lerngruppen in diesen Schulen waren homogener und konnten gezielter gefördert werden. Außerdem hatten diese Schulen - zumindest in meinem Erfahrungsbereich - enge Beziehungen zur heimischen Wirtschaft und konnten in der Regel einen Großteil ihrer Abgänger in Lehrstellen vermitteln.
Heute kann jeder (theoretisch) jeden Schulabschluss erreichen, ohne dass dafür die notendigen Rahmenbedingungen an den Schulen geschaffen wurden - allein der Elternwille zählt!

In meinen Augen sind Sprachbarrieren die Hauptursache für Chancenungleichheit im Bildungswesen.
Um hier Fortschritte zu erzielen reicht es nicht aus, nur mit den Kindern zu arbeiten. Wenn in Familien, die schon 10 oder mehr Jahre in Deutschland wohnen, zu Hause immer noch die Fremd-/Muttersprache Verkehrssprache ist, dann ist der Weg zu einem guten Sprachgebrauch für Kids einfach länger. Dieses Bewusstsein muss man bei Eltern schaffen, vielleicht auch mit mehr als gutem Zureden.

Auch bei der Sprachbildung der Kinder gab's gute Ansätze: Delfin 4 war eine Sprachstandsfeststellung in NRW, die für alle KiTa-Kids 2 Jahre vor Schuleintritt durchgeführt wurde und im Fall von Defiziten zu einer besonderen Förderung führte. Die Qualität dieser Förderung kann ich nicht beurteilen, habe aber den Verdacht, dass auch hier die personelle und sächliche Ausstattung nicht üppig war. Delfin 4 gab es flächendeckend von 2007 bis 2014.
Danach wurden nur noch Kids erfasst, die keine KiTa besuchten, auf die man aber auch keinen richtigen Zugriff hatte, wodurch die Wirkung der Maßnahme weitgehend verpuffte.

Mittlerweile hat man das wohl erkannt und das Bundeskabinett hat beschlossen, dass künftig alle vierjährigen Kinder in Deutschland nach einheitlichen Standards auf Sprache und Entwicklung getestet werden sollen. Auch das ist m.E. bezüglich der Durchführung zu hinterfragen. Die förderwürdigen Kids sollen nämlich (auf welche Weise auch immer) zu Schulen gekarrt werden, wo dann die Spracharbeit von Lehrern durchgeführt wird.
Ist natürlich billiger, Kinder aus 4 - 5 Tagesstätten irgendwo zusammenkommen zu lassen, als sie vor Ort zu fördern, pädagogisch aber wenig sinnvoll, weil die Kinder in ihrer gewohnten Umgebung leichter und besser lernen und jede Menge Zeit und Stress gespart wird.
 
Da ist defintiv was dran. Leider kommt es gerade im Bilgungssektor (wie der Gesundheitssektor auch) immer auf eins an: groß reden, aber nicht bereit sein Taten auf die Worte folgende zu lassen. Weil kostet ja Geld. Und genau da ist das Problem, bei vielen wird Geld verschwendet und dort wo es drauf an kommt, wird zu tode gesparrt und kein Geld investiert.
Wie du schon sagtest, einfach zu sagen es liegt nur an einem Punkt wäre zu einfach und zu kurz gedacht. Es sind viele Faktoren, wovon viele jedoch auch bekannt sind. Es wird nur aus gewissen "politischen" Gründen nicht dagegen angegangen oder weil es "zu viel Geld" kostet.
Wir (Deutschland in diesem Fall damit gemeint) könnten ein wesentlich effektiveres und erfolgreicheres Bildungssystem haben, wenn einfach mal das gemacht wird was wirklich Not tut. Ja, es wird unbequem. Ja, es wird einem auf kurze Sicht keine Wähler/Fans/etc einbringen und ja, es wird Geld kosten. Aber wenn man möchte, dass sich etwas ändert dann muss man auch mal unbequemes machen. Ansonsten wird es nur eine Richtung gehen und zwar nach unten.
 
Während In der offiziellen internationalen PISA-Studie der OECD keine separaten Einzelergebnisse für die einzelnen Bundesländer ausgewiesen werden, gibt es noch nationale Ergänzungen (PISA-E / IQB-Bildungstrend) bei denen Bundesländerstichproben im Rahmen von Leistungsvergleichen gegenübergestellt werden und so eine Art Ranking entsteht.
Außerdem gibt es noch den INSM Bildungsmonitor, der die Entwicklung in unserem Bildungswesen vom Standpunkt der Wirtschaft aus betrachtet und dabei dioe einzelnen Bundesländer in den Blick nimmt.
Beide Untersuchungen zeigen, dass das Bildungsniveau in allen Bundesländern sinkt. Aber in beiden zeichnet sich auch eine ähnliche Hitparade ab.
Hier mal die von der INSM:
Bildungsmonitor.webp

In beiden Rankings liegen die gleichen Bundesländer jeweils vorne und hinten. Erschreckend ist, dass die Verlierer nur halb so viele Punkte erreichen wie die vorderen Plätze.
Das könnte für die Übertragung der Bildungsarbeit in die Bundeshoheit sprechen.
Zumindest sollten die Absteiger auf das schauen, was die vorderen Plätze so erfolgreich macht und daraus lernen.
Das scheinen in erster Linie eine gute frühkindliche Förderung, günstige Betreuungsrelationen und eine starke Ganztagsbetreuung ind Schulen und KiTas zu sein.

Aber - wie Me1$t3r schon so richtig feststellt - das alles kostet Geld, was dann woanders fehlt.
 
das alles kostet Geld, was dann woanders fehlt.
Ja.
Die Frage ist halt dabei nur, was ist man bereit zu tun? Will man nur reden und sich wundern oder will man auch wirklich etwas tun?
Es wäre zwar nicht so leicht wie es klingt, aber es ist auch möglich ohne riesen Mengen an Geld etwas zu machen. Klar, kostet immer noch nicht wenig jedoch kann von genug Bereichen jeweils kleinere Mengen Geld abgenommen werden ohne großen Einfluss auf den jeweiligen Bereich zu nehmen. Da muss man nicht erst einen neuen "Topf" (mit gefühlter unendlicher Tiefe) schaffen. Es kommt halt immer wieder leider nur auf eines heran und das ist das Geld.

Das Problem dabei ist (eventuell eher etwas für ein anderes Thema), dass das Geld dabei selbst das Problem ist und nicht das "Geld" im finanziellen Sinne ... bzw. im mengentechnischen Sinne.
 
Hallo @littleprof,
ich hatte in diesem Schuljahr bei meiner Tochter den Übertritt ins Gymnasium, 5 x Note 1 und 5 x Note 2 im Übertrittszeugnis.
Im Abschlussgespräch mit der Lehrerin der 4. Klasse wurden wir so nebenbei darauf aufmerksam gemacht unbedingt ein Auge auf das Fach "Deutsch" zu werfen und sie hat uns dann gezeigt was sie alles nicht gemacht hat, aber eigentlich hätte machen müssen (Und eigentlich auch eine Voraussetzung fürs Gymnasium ist). Aufgrund der Klassenzusammensetzung war dies aber gar nicht möglich .. Jetzt haben wir in den Sommerferien versucht den fehlenden Stoff zuhause "unter Protest" irgendwie nachzuholen, bzw. anzuschneiden damit sie es zumindest schonmal gehört hat. Beispiel Zeichensetzung oder scharfes ß.

Für Englisch war leider kein Lehrer vorhanden, dafür hatten sie aber katholische Religionslehre => ist wichtig in Bayern ;)

Nun in der 5.en ist wieder interessant, bei Gesprächen mit anderen Eltern sind wir jetzt noch draufgekommen, dass jede Grundschule auch noch anders benotet. Bei uns war 1 Fehler noch eine Note 1, in anderen Schulen gab es die Note 1 nur mit 0 Fehlern.

Das ist echt so irrsinnig, in der Grundschule habe wir keine homogenen Klassen mehr, also richtet sich alles nach den schlechtesten, die guten langweilen sich bzw. sind nicht gefordert. Dann gehts in die nächste Schulform, in der ich aber wieder keine homogenen Klassen habe, da ich aufgrund der unterschiedlichen Benotungen Kinder in den Klassen habe die eventuell in einer anderen Schulform besser aufgehoben wären.
Natürlich wird dann "ausgesiebt" in der 6 und 7, aber das führt doch auch wieder nur zu Enttäuschungen unter den Kindern ..

Und ob dies alles mit Geld lösbar ist wage ich zu bezweifeln ..
 

Ähnliche Themen

Antworten
32
Aufrufe
4K
roflmao
R
Zurück
Oben Unten