Hmm, man mag von Nokia halten, was man will, aber seien wir doch mal ehrlich; wer glaubt denn, dass Unternehmen (die anders als gemeinnützige Vereine per se auf Gewinnmaximierung aus sind) soziale und nicht marktwirtschaftliche Beweggründe haben, um ihre Produktionsstätten zu verlagern? Und wenn man im Jahr 2007 einen Nettogewinn von 7,2 Mrd. Euro mit einer Steigerung um 67 % gemacht hat, schaut man natürlich, ob sich das nicht noch steigern lässt; da ist kein Raum für soziale Überlegungen.
Der größte Kostenfaktor sind immer die Personalkosten. Wir haben nun mal eine globalisierte Marktwirtschaft und da schaut man, welche Standorte den größten finanziellen Anreiz bieten. Natürlich kann ein Standortwechsel zum Bumerang werden und einen Imageverlust mit sich bringen. Nokia hat 2008 einen Gewinnrückgang im Vergleich zum Vorjahr von knapp 45 % hinnehmen müssen und »nur noch« 3,988 Mrd. Euro Gewinn gemacht. Aber die (gierige) Aussicht auf Gewinn und einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten bringt und zwingt Unternehmen zu solchen Überlegungen. Die USA machen es uns doch auch hier vor. Große, namhafte Unternehmen erwirtschaften Mrd.-Gewinne, entlassen dennoch Tausende von Mitarbeitern, schließen ihre Standorte, um nach Mexiko zu gehen, weil dort Löhne, Sozialleistungen, etc. niedriger sind, die Arbeiter längere Arbeitszeiten haben und es weniger oder keine Gewerkschaften gibt, die die Interessen der Arbeitnehmer verteten; also all’ das, was sich ein Unternehmer nur wünschen kann. Außerdem wird man von der Regierung noch mit offenen Armen und ggf. Subventionen empfangen, weil man Arbeitsplätze schafft und der Region zu einem Aufschwung verhilft. So gesehen können hier alle Beteiligten nur gewinnen.
Und ich gebe costachis Recht; einerseits müssten wir konsequent sein und alle Artikel boykottieren, die unseren moralischen Ansprüchen nicht vollends genügen sollten; sei es, dass sie durch Kinderarbeit entstehen, zur Zerstörung des Ökosystems beitragen, in totalitären Sytemen produziert werden, die sich nicht um Menschenrechte scheren, etc. Oder wir müssten uns aufregen, warum Milch so billig ist, dass Milchbauern um ihre Existanz fürchten, warum Wasser in Einweg-PET-Flaschen mit der weitaus schlechteren Energiebilanz billiger angeboten werden kann als die Mehrwegflaschen, deren Quote eigentlich forciert werden sollte. Aber schauen denn wir über unseren eigenen Tellerrand hinaus und kümmern uns vordringlich um Sachen, die sich nicht um uns, unser Überleben, unseren Vorteil drehen? Zuerst kommen »wir« und erst dann »die anderen«. Altruisten gibt es heute leider immer weniger. Warum sollte das bei einem Unternehmen anders sein? Nur, dass hier »die anderen« eben nur insofern eine Rolle spielen, als es sich um Konkurrenz handelt.
Das Problem im Fall Nokia ist andererseits weniger, dass solche Unternehmen den Standort Deutschland wieder verlassen, sondern dass eine unklare Regelung der Subventionsvergabe bzw. -rückzahlung den Unternehmen einen Anreiz bietet, nach Deutschland zu kommen, die Subventionen einzustreichen und dann – heuschreckengleich – weiterzuziehen, wenn die Subventionen abgeschöpft sind und man keine Angst vor Regressansprüchen haben muss. Nur weil die Regierung nicht mit der »Dreistigkeit« der Unternehmen gerechnet hat, obwohl diese oftmals nichts anderes machen, als die Regelungen zu ihren Gunsten auszulegen oder auszureizen. Es ist dann also eher die Regierung, die naiv genug ist zu glauben, dass Unternehmen mehr Zugeständnisse machten als sie unbedingt müssten.
Ohne jeden Zweifel ist es bedauerlich für die ehemaligen Mitarbeiter, die ihre Arbeit verloren und dass dies schwerwiegende Auswirkungen für sie und ihre Familien hatte bzw. hat, dass viele keine Perspektive mehr sehen, einen neuen Job zu finden und dass Familien deshalb in die Brüche gehen, während das Unternehmen nach Osteuropa wandert und seine Subventionen nicht zurückzahlen muss, also de facto eher unbehelligt bleibt – dies ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Doch wer bei einem Unternehmen mit einem Wert von über 38 Mrd. Euro auf soziale Verantwortung oder moralische Grundsätze jenseits des Euro-Zeichens hofft, ist ein romantischer Träumer – so hart das auch klingt.
Natürlich kann man solche Unternehmen boykottieren – es ist ein probates Mittel zivilen Ungehorsams und kann direkte Auswirkungen haben und den Unternehmensgewinn schmälern; allein im 4. Quartal 2008 hat Nokia einen Gewinneinbruch von 69 % verzeichnet. Ob das allerdings eine Auswirkung des Boykotts oder eher mit der Wirtschaftskrise und Währungsschwankungen, schwächerem Konsumklima, Kreditknappheit und düstereren Aussichten zu tun hat, bleibt unklar. Sony Ericsson hat 2008 zum Beispiel mit einem Nettoverlust von 73 Mio. Euro beendet – ohne Boykott. Vielmehr sollte aber die eigene Regierung in die Verantwortung genommen werden, dass aus solchen Fällen gelernt wird und man bei anderen Unternehmen nicht mehr den selben Fehler macht. Doch je härter die Subventionsvergabe reglementiert ist, umso stärker werden es sich andere Unternehmen überlegen, ob sie sich in Deutschland ansiedeln wollen. Es ist also ein zweischneidiges Schwert.