sorei schrieb:
Lebensqualität ist nicht zuletzt etwas, was ich mit bestimme.
Aber den Käfig kann ich mir dennoch nicht aussuchen,
sorei.
Es würde glaube ich zu weit führen, dies im Augenblick zu vertiefen. Da erscheint mir ein anderer Ansatz zunächst viel wichtiger.
Auch ich lebe recht internet-orientiert. Nach rund fünfzig Jahren Großstadtleben ist es eine völlig andere Sache, plötzlich mitten in der Wildnis zu leben. Es gibt in meiner unmittelbaren Umgebung schlicht und einfach niemanden, der meine Interessen teilt und mit dem es sich lohnen würde, über diese zu reden (von Small-Talks einmal abgesehen). So bietet es sich an, im Internet nach kompetenten Gesprächspartnern Ausschau zu halten.
Ich habe im Lauf der Jahre viele Menschen (auch im Internet) kennengelernt. Einige davon sind mir auch schon real über den Weg gelaufen, andere (meist aufgrund der räumlichen Entfernung) hingegen nicht. Dies ist für mich jedoch nicht entscheidend.
Entscheidend ist für mich, wie weit ich jemanden Stück für Stück kennenlerne und mich auf ihn einlassen kann. Dazu bedarf es einer gewissen Zeit. Nehmen wir doch einmal das FSB als Beispiel. Ich merke schnell, welche Ansichten jemand hat, wie er sich ausdrückt und wie er argumentiert. Es ist auch nicht anders, als wenn ich in einem Cafe sitze und das Gespräche am Nachbartisch mitbekomme oder mit jemandem unverbindlich in ein Gespräch gerate.
Das ist erst einmal die Oberfläche. Wie weit man wirklich etwas miteinander anfangen kann, das merkt man, wenn die Gespräche persönlicher werden und jeder etwas aus seiner Erlebniswert vermittelt. Wichtig sind dabei Glaubwürdigkeit, Widerspruchsfreiheit und Konstanz.
Interessanter wird es auf einer nichtöffentlichen Ebene, z.B. per PN. Da zeigt sich, was von den ganzen Ansprüchen noch übrigbleibt. Ich mache da keinen Unterschied zwischen dem RL und z.B. dem FSB. Wenn ich jemanden mag und glaube, mit ihm etwas anfangen zu können, dann ist dies für mich das Symptom einer beginnenden Freundschaft, zumal wenn dies auf Gegenseitigkeit beruht. Und genauso, wie man sich im RL irren kann, so eben selbstverständlich auch hier. Wo bitte ist da das Problem?
Ok, das war jetzt vielleicht ein wenig ausufernd, aber vielleicht war es nötig, auf diese Weise meine Sicht der Dinge aufzuzeigen, auch, was den Aspekt der gegenseitigen Hilfe angeht. Doch nun zu FaceBook.
FaceBook ist eine Massenveranstaltung und gerade das verwässert meines Erachtens die echten Kennelernmöglichkeiten stark. Oberfläche erscheint wichtiger als Inhalt und genau dies schlägt Wellen.
Auch hierfür ein Beispiel:
Früher war es in (Fach-)Foren oftmals so, daß dort in erster Linie ambitionierte Amateure aktiv waren und man dort untereinander Wissen austauschte. Die ist mittlerweile leider oft nicht mehr gegeben (und daran sind FaceBook und Konsorten meiner Meinung nach nicht gerade unschuldig). Ich rede jetzt konkret von mehreren Foto-Foren, weil ich dort über ausreichen persönliche Erfaqhrungen verfüge, aber letztendlich sind auch diese nur beispielhaft gemeint.
Die einen Foren sind mittlerweile dermassen überlaufen, daß fast ausschliesslich ein einseitiger Wissenstransfer stattfindet (sofern er denn angenommen wird), die Gegenseitigkeit geht verloren. 90% der Fragen laufen auf die Frage heraus: ich möchte mir für x Euro eine Kamera zulegen, welche ist für mich die Beste? Und als Antwort erwartet man den Link auf's nächste Schnäppchen-Paradies. Mit ernsthafter Fotografie hat dies kaum mehr etwas zu tun.
Ebenso ist es mit dem Zeigen der Bilder. Zeigte man führt Bilder überwiegend, um über fotografische Details zu diskutiern und um zu zeigen oder zu fragen, wie man irgendetwas verbessern kann, so ist die Motivation mittlerweile überwiegend zur gegenseitigen Schulterklopf-Orgie verkommen, in der Poster selbst für miserabelste Machwerke Lob einheimsen wollen und ernsthafte Diskussionen nicht mehr erwünscht sind. Dies führt dazu, daß immer mehr ambitionierte Amateure abwandern und ein ehemaliges Fotoforum unweigerlich zum kritikfreien Panoptikum verkommt. Denn Qualität ist selten gefragt.
Auch die Aufteilung der Galerien in einzelne Themenbereiche wird immer obsoleter. Am Deutlichsten merkt man dies in der Kategorie 'Akt'. Handelte es sich früher um Darstellungen (halb)nackter Körper, so wird dies mittlerweile zu Erotik umgedeutet (allerdings unter Beibehaltung des alten Titels). In einigen Foren sind mittlerweile über 90 Prozent der Aktbilder nicht mehr nackt. Aber der Titel ist eben zugkräftiger, man will seine Bilder möglichst vielen Leuten zeigen und dafür (möglichts pauschal) Lob einheimsen, anstatt sich kritisch damit auseinandersetzen zu wollen. Wozu noch etwas lernen wollen oder gar etwas verbessern? Es reicht doch, wenn man es zeigt.
Peinlich wird es, wenn in den Kommentaren die feinen Farbnuancen eines Schwarzweiss-Bildes gelobt werden und der Zeigende nicht einmal merkt, wie er veralbert wird. Oder wenn man Bilder einer x-beliebigen Internet-Cam rippt und als Architektur-Fotos einstellt. Da wird gejubelt und gelobt, was das Zeug hält, und die Automatik der Kamera wird zum begnadeten Fotokünstler hochstilisiert, denn die Leute, die solechn Schwindel schon auf den ersten Blick erkennen, die haben das Licht schon längst gelöscht...
Mitbestimmen kann man in diesen Forum als fotointeressierter Mensch mittlerweile garnichts mehr, man kann eigentlich nur noch gehen. So viel zu deinem Eingangszitat,
sorei.
Wer bleibt also auf der Strecke?