Wäre das zinstragende Kapital nicht mehr, so dachte etwa Proudhon, dann gäbe es auch keinen Kapitalismus mehr. Er wollte deshalb ein nicht verleih- und verzinsbares „Arbeitsgeld“ einführen. Auch die spätere, bis heute immer wieder neu propagierte Geldutopie von Silvio Gesell liegt auf derselben Linie: Gesell wollte ein „Schwundgeld“ einführen, das stetig an Wert verliert, wenn es nicht innerhalb einer bestimmten Frist für Produktionsmittel oder Konsum ausgegeben wird. Damit soll verhindert werden, daß Geld gehortet wird und sich in zinstragendes Kapital verwandeln kann.
Diese Ideologie stellt die wirklichen Verhältnisse auf den Kopf. Das zinstragende Kapital ist nicht das eigentliche Kapital, sondern nur eine sekundäre, abgeleitete Teilfunktion des Kapitals. Geldverleih und Schuldenkrisen gab es schon gelegentlich in der Antike, aber nur am Rand einer überhaupt nicht wesentlich auf Geld beruhenden agrarischen Reproduktion. Die moderne kapitalistische Produktionsweise ist nicht aus dem zinstragenden Kapital entstanden, sondern aus dem Geldhunger der frühmodernen Militärmaschine („politische Ökonomie der Feuerwaffen“), die zwecks Finanzierung von Kanonenproduktion, stehenden Heeren etc. die feudalen Abgaben monetarisierte und durch den Zwang der inneren und äußeren Kolonisierung (Sklavenplantagen, Zucht- und Arbeitshäuser, staatliche Manufakturen usw.) die Bevölkerung in das „Material“ von „abstrakter Arbeit“ (Marx) zwecks Geldverwertung verwandelte. Die Logik dieser „produktiven“ Geldmaschine emanzipierte sich schließlich vom ursprünglichen Zweck, wurde „privatisiert“ und mutierte zum Systemzusammenhang, wie wir ihn heute kennen und verinnerlicht haben.
Das System der Geldverwertung enthält den Imperativ unaufhörlichen Wachstums. Der verselbständigte ursprüngliche Zweck (immer mehr Geld für die unersättliche Maschine der frühmodernen „militärischen Revolution“) hat sich in den abstrakten systemischen Selbstzweck verwandelt, durch betriebswirtschaftliche Verwertungsprozesse aus Geld mehr Geld zu machen. Die physische und kulturelle Reproduktion der Gesellschaft ist nur noch Anhängsel dieses Selbstzweck-Prozesses. Die Gütermenge (egal welchen Inhalts, der zunehmend destruktiv wird und ja in der ursprünglichen Kanonenproduktion auch einen destruktiven Ausgangspunkt hatte) muß immer weiter wachsen; nicht um der Bedürfnisse willen, sondern allein nach der Maßgabe, daß sie den Selbstzweck der Geldverwertung „repräsentiert“. (
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