Vitamine – Segen oder Fluch?
Vitaminpräparate sind mittlerweile in jedem Supermarkt erhältlich und gelten in manchen Regionen der Welt bereits als Bestandteil der normalen Ernährung. Rund um diese Nahrungsergänzungen hat sich eine gigantische Industrie aufgebaut, entsprechend viel Geld steckt in dieser Sparte. Doch was erwarten sich die Leute, wenn sie Vitaminpräparate kaufen? Die Versprechungen sind weitläufig und decken nahezu das gesamte Krankheitsspektrum des Menschen ab. Insbesondere wird die positive Beeinflussung bzw. Vermeidung von Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen, Demenz, Schwangerschaftskomplikationen, Erkältungen uvm. propagiert. Dieser Artikel gibt eine kurze Übersicht über den tatsächlichen Stand der Wissenschaft.
Vermeidung von Krebs mit Vitaminen
Es gibt bereits eine Vielzahl von Studien, die keinen positiven Effekt in der Gabe von Vitamin A, C und E finden konnten. In der sogenannten HOPE Studie [1] konnte bei 9540 Patienten über 7 Jahre hinweg keine Reduktion der neu aufgetretenen Krebserkrankungen bzw. Todesfälle durch Krebs mittels Vitamin E (400 IE) beobachtet werden. In einer weiteren großangelegten Studie mit 20000 Patienten erhielten die Probanden/innen über 5 Jahre Vitamin E (600 mg), C (250mg) und A (20mg) [2]. Diese prospektive Doppelblindstudie zeigte, dass sich kein Unterschied zur Placebogruppe bezüglich Gesamtsterblichkeit, Herz/Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Karzinome (bösartige Tumoren), Frakturen, Linsenkatarakte, Lungenerkrankungen und Demenz nachweisen lässt.
Anders sieht es derzeit noch bei Vitamin D aus. Zahlreiche epidemiologische Studien sprechen für eine positive Rolle von Vitamin D in der Vermeidung von Krebs. Doch Vorsicht – auch bei Vitamin A, C und E war dies der Fall, bis die Ergebnisse der epidemiologischen Studien von den aussagekräftigeren prospektiven Studien widerlegt wurden. Leider fehlen im Zusammenhang mit Vitamin D und Krebs noch solche prospektiven Studien.
Herz-Kreislauferkrankungen und Vitamine
Auch zu dieser Thematik ist die Studienlage relativ eindeutig. Oben zitierte HOPE Studie untersuchte nicht nur die Auswirkungen von Vitamin E auf Krebs, sondern auch auf das Herz-Kreislaufsystem. Die Ergebnisse zeigten nicht nur, dass Vitamin E keine positive, sondern sogar negative Wirkungen auf das Herz ausübte. Es kam zu einem signifikanten Anstieg der Herzinsuffizienz in der Vitamingruppe! Dieses niederschmetternde Resultat wird durch weitere Meta-Analysen bestätigt. Miller et al. fanden z.B. heraus, dass die Gabe von mehr als 400 IE Vitamin E zu einer signifikant erhöhten Sterblichkeit führte [3]. Analoge Ergebnisse gibt es auch für Vitamin A [4].
Große Hoffnung hegten die Wissenschaftler auch bei den Vitaminen aus dem Vitamin B Komplex. Eine Senkung des Homocysteinspiegels könnte nämlich – zumindest in der Theorie – zu einem reduzierten kardiovaskulären Risiko führen. Eine Studie an 3749 Patienten lieferte jedoch ernüchternde Ergebnisse, denn es konnte kein positiver Effekt von Folsäure (Vitamin B9 bzw. 11) nachgewiesen werden [5]. Die Kombination von Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin B6 zeigte sogar den Trend zu einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und plötzlichem Herztod. Auch Lonn et al. kamen zu ähnlichen Resultaten [6].
Vitamine und Demenz
In einer großen Studie konnte durch die Gabe von Vitamin A, C und E das Auftreten von Demenz nicht verhindert werden. Auch bei leichten Formen der kognitiven Erkrankung übte hochdosiertes Vitamin E (2000 IE) über 3 Jahre keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung aus [8]. Demnach hat also weder eine frühzeitige noch eine späte Vitaminverabreichung einen positiven Effekt auf die Verhinderung der Alzheimer-Erkrankung.
Wie bei den Herz-Kreislauferkrankungen hegte man auch bei der Demenz die Hoffnung, Folsäure könne durch eine Senkung des Homocysteinspiegels günstige Effekte auf den altersbedingten Abfall der kognitiven Leistung haben. Die vorhandenen prospektiven Studien sind widersprüchlich: sowohl das Fehlen als auch positive Effekte wurden berichtet [9,7]. Weitere Studien sind abzuwarten. Dies gilt auch für die Möglichkeit, dass Folsäure die Altersschwerhörigkeit verbessert. In einer Studie an alten Patienten mit hohem Homocysteinspiegel reduzierte eine Verabreichung von Folsäure über drei Jahre den Hörverlust geringfügig, allerdings nur im niederfrequenten Bereich [10].
Vitamin C und Erkältungen
Linus Pauling sei dank wird die Behandlung und Vermeidung von Erkältungen bzw. grippalen Infekten schon fast reflektorisch mit Vitamin C in Verbindung gebracht. Auch die Pharmaindustrie ist auf diese Welle aufgesprungen und verkauft Medikamente aller Art in Kombination mit Vitamin C. Dabei konnten viele Studien keinerlei Senkung des Auftretens von Verkühlungen bei präventiver Vitamin C-Verabreichung feststellen. Auch auf den Krankheitsverlauf hatte die Gabe des Vitamins während einer Erkältung keine positiven Effekte, wie eine aktuelle Meta-Studie beweist [11, siehe auch hier].
Generell konnte in einer Studie an über 900 Patienten nachgewiesen werden, dass Multivitamin- und Mineralienpräparate weder die Zahl der Infektion, Arztbesuche oder Verschreibungen von Antibiotika zu reduzieren vermochten [12].
Vitamine und Präeklampsie (EPH-Gestose, Vitamine in der Schwangerschaft)
Eine Präeklampsie kann als lebensbedrohliche Komplikation während der Schwangerschaft auftreten. Sie äußert sich durch hohen Blutdruck, Proteine im Harn und Wassereinlagerungen (Ödeme). Sie stellt eine schwerwiegende Schwangerschaftskomplikation dar und bedarf einer sofortigen Behandlung. Die Gabe von Vitamin C (1000mg) und Vitamin E (400 IE) reduziert – wie manchmal postuliert – das Risiko der Entwicklung einer solchen Präeklampsie jedoch nicht [13].
Folsäure, Neuralrohrdefekte und Lippenspalten
Hier gibt es endlich einmal positives zu berichten. Wird Folsäure bereits zum Zeitpunkt der Befruchtung eingenommen, sinkt gemäß der aktuellen Studienlage das Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind erheblich. Einer neuen Studie zufolge tritt auch die Missbildung in Form einer Lippenspalte bei Einnahme von Folsäure seltener auf [14]. Obwohl hier die Supplementation endlich einmal Sinn machen würde und in Europa dieser Umstand etwa 50-70% der Bevölkerung bekannt ist, machen nur 0,5-50% von der Prophylaxe Gebrauch [15].
Wie man anhand obiger Daten sieht, sind Vitamine keineswegs nur harmlose Substanzen. Dass manche Vitamine sogar gesundheitsschädlich sind und die Sterblichkeit erhöhen, wird von der Industrie gerne verschwiegen. Auch das Gros der sogenannten Ernährungsexperten bewegt sich auf dem Wissensstand der 70er und empfiehlt die Supplementation von Vitaminen ohne sich über die Folgen Gedanken zu machen. Dabei ist ein Vitaminmangel bei nur annähernd ausgewogener Ernährung in den Industriestaaten nahezu unmöglich – auch bei hoher körperlicher Belastung bis hin zum Spitzensport ist die künstliche Gabe von Vitaminen nicht notwendig. Völlig außer Acht bleiben auch wichtige Dinge wie Nährstoffinteraktionen – kein Mensch weiß, was beispielsweise von den Multivitamintabletten wirklich im Körper ankommt und was einfach wieder ausgeschieden wird. Die natürlichen Vitaminquellen beinhalten neben den eigentlichen Vitaminen noch eine Unzahl weiterer Nährstoffe (z.B. Flavonoide), die erst bzw. nur in Kombination miteinander ihre Wirkung entfalten können. Von dieser Komplexität sind Vitaminpräparate noch weit entfernt.
(gesehen auf enutrio.de)
Gruß